Joachim Gauck: Der Demokratie-Streiter

Joachim Gauck
Der Demokratie-Streiter

Joachim Gauck erntete schon 2010 parteiübergreifende Sympathien. Nun steht der Mecklenburger Pfarrer wieder in vorderen Reihe, wenn es um die Wulff-Nachfolge geht. Handelsblatt-Online wirft ein Blick in sein neues Buch.
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Joachim Gauck ist einer derjenigen, der ganz vorne in der Reihe der potentiellen Kandidaten für die Nachfolge des glücklosen Christian Wulff stehen. 2010 hatten Sozialdemokraten und Grüne den Mecklenburger Pfarrer als Gegenkandidaten zu dem Niedersachsen ins Rennen um das höchste Staatsamt geschickt. Spätestens seit Wulff kurze Zeit später in die Schlagzeilen geriet, war immer öfter die Rede davon, dass er wohl die bessere Wahl gewesen wäre - und vielleicht wieder sein könnte.

Der Zufall wollte es, dass exakt an dem Tag, an dem der Amtsinhaber aufgibt, das neue Buch Gaucks in die Buchhandlungen kommt.

„Freiheit – Ein Plädoyer“ ist eher ein Büchlein, gerade mal Din A5 groß und nur 60 Seiten dick - doch man kann es nun getrost als erneute Antrittsrede lesen. Widmet es sich doch den zentralen Werten des Westens, dem der ehemalige DDR-Oppositionelle und langjährige Chef der Stasi-Unterlagenbehörde gern mehr Geltung verschaffen würde: der Freiheit, der Verantwortung und der kritischen Toleranz.

Gerade die Freiheit wird von den Deutschen zu wenig geschätzt und verteidigt, mahnt der Mecklenburger Theologe: Manchmal beschleiche ihn, einen „Liebhaber der Freiheit“, das Gefühl, einer gewissen Minderheit anzugehören“, bekennt er gleich zu Anfang. Bei vielen Deutschen hingegen vermutet er „eine geheime Verfassung, deren virtueller Artikel 1 lautet: Die Besitzstandwahrung ist unantastbar“.

Gauck vermisst nicht nur die angemessene Freude über Begeisterung darüber, in einer der freiesten Gesellschaften der Welt zu leben. Er verlangt mehr. Der ehemalige „Insasse“ der DDR will nicht nur Freiheit „von“ etwas, also etwa von Unterdrückung, sondern Freiheit für etwas. Sie könne nur der mit Leben erfüllen, der Verantwortung übernehme: Nicht nur für Kinder, nicht nur Im Job, sondern gerade auch politische Verantwortung.

Er geißelt nicht nur früheren Oppositionelle Ostdeutschlands, die angewidert den Einfluss alter Kader oder zugereister Westdeutscher anprangern, sich selbst aber nicht ins mühselige Geschäft der Politik mischen mögen. Er ruft alle Deutsche auf, sich einzumischen, statt Verdruss über die Mängel von Demokratie und Marktwirtschaft zu räsonieren. Trotz aller Unvollkommenheit: ihm gilt das westeuropäische System als „lernfähiges System, das Vorbildcharakter hat“.

Deshalb mahnt der ostdeutsche Protestant auch im internationalen Diskurs mehr Selbstbewusstsein an, mehr Herzblut für die die „westlichen Werte“, die auf den Menschenrechten fußen. Dabei nimmt er namentlich auch diejenigen in die Pflicht, die ihm besonders nahe sind: „Gerade bei einen evangelischen Brüdern und Schwestern und einigen Grünen und sozialdemokratischen Christen sind Güte und Großmut teilweise so unendlich groß, dass sie fortwährend alle Schuld der Welt einräumen. Angebracht sei jedoch viel mehr stolz auf 60 Jahre in Frieden und Achtung der Menschen- und Bürgerrechte zu sein - und das gegenüber allen „kommunistischen, fanatisch-islamistischen und despotischen Staaten“ auch laut zu bekennen.

Barbara Gillmann ist Korrespondentin in Berlin.
Barbara Gillmann
Handelsblatt / Korrespondentin

Kommentare zu " Joachim Gauck: Der Demokratie-Streiter"

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  • Danke für Eure Kommentare!

    Ich bin Entsetzt über diesen Vorschlag!

    Der Bundespräsident leistet bei seinem Amtsantritt vor den versammelten Mitgliedern des Bundestages und des Bundesrates folgenden Eid:
    "Ich schwöre, daß ich meine Kraft dem Wohle des deutschen Volkes widmen, seinen Nutzen mehren, Schaden von ihm wenden, das Grundgesetz und die Gesetze des Bundes wahren und verteidigen, meine Pflichten gewissenhaft erfüllen und Gerechtigkeit gegen jedermann üben werde. So wahr mir Gott helfe." § 56 GG

    Was bitte hat dieser Herr bisher für das Deutsche Volk getan?

    Aber was er sicherlich machen wird zeigen diese Zitate:

    ... Nur einem fühlt er sich verpflichtet: der "Liebe zur Freiheit".

    http://www.zeit.de/politik/deutschland/2010-06/bundespraesident-gauck



    Mit Blick auf die Proteste beim Bahnprojekt Stuttgart 21 warnte Gauck vor einer Protestkultur, „die aufflammt, wenn es um den eigenen Vorgarten geht“. Die deutsche Neigung zu Hysterie und Angst nannte er „abscheulich“.


    Die aktuellen Bürgerproteste gegen die Banken und das Finanzsystem würden sich nicht zu einer dauerhaften Protestbewegung entwickeln. „Das wird schnell verebben“, so Gauck.

    Joachim Gauck sagte bei der ZEIT MATINEE in den Hamburger Kammerspielen, dass er die Antikapitalismusdebatte für „unsäglich albern“ halte: Der Pastor, Politiker und Publizist betonte bei der Veranstaltung der Wochenzeitung DIE ZEIT, dass der Traum von einer Welt, in der man sich der Bindung von Märkten entledigen könne, eine romantische Vorstellung sei. Zu glauben, dass wenn man das Kapital besiege, die Entfremdung vorbei und dann alles schön sei, sei ein Irrtum.

    http://www.zeitverlag.de/pressemitteilungen/joachim-gauck-antikapitalismusdebatte-ist-unsaglich-albern/

  • Andrea ist genau richtig. Gauck ist ein neoliberaler machtgeiler Freund der Eliten. Er hat Demokratie nicht verstanden. Er ist nur ein Vertreter der bürgerlich Neoliberalen,ein Sozialdarwinist. Kein Vereiner des Volkes. Wer sich so despektierlich über kritische Demonstranten ausläßt gehört nicht ins Präsidialamt einer Demokratie. Wer Hartz IV erlässt feiert auch Gauck, darum finden ihn auch Grüne und SPD toll. Eine Schande

  • Für mich war und ist Herr Gauck als Bundespräsident untragbar, da er - wie auch in diesem Artikel über sein neues Buch sehr deutlich rauskommt - ein Mensch ist, der förmlich in der Vergangenheit lebt.

    Das ist sein gutes Recht, da der Großteil seines Lebens sich nunmal im vergangenen, geschichtsträchtigen 20. Jahrhundert abspielte.

    Was wir aber heute brauchen - übrigens in jedem politischem Amt, nicht nur in dem des BPs - sind Politiker die sich mit den Problemen und Herausforderungen des 21. Jahrhunderts beschäftigen und sie bewältigen, und nicht jemand der bei der leisesten Kritik an den Zuständen der heutigen Zeit gleich das Kommunismus-Gespenst der alten Zeit rausholt.


    Desweiteren sind seine öffentlichen Ansichten oft stark im Widerspruch zu den in diesem Artikel genannten, hehren Grundsätzen.
    Er wünscht sich zum Beispiel von den Bürgern größere, politischere Verantwortung - die Proteste gegen "Stuttgart 21" nannte er aber übertrieben und er forderte die Politik auf, diese Proteste zu ignorieren und stur weiter zu bauen.

    Unabhängig ob solch ein Projekt wirklich gut oder schlecht ist, dürfte ein vermeintlicher Bundespräsident nicht einfach die politischen Gefühle und Sorgen einer doch schon größeren Gruppe so einfach übergehen und öffentlich in den Medien zum Ignorieren auffordern, sondern müsste objektiv beiden Seiten zuhören und vorallem Vermitteln.


    (Das einfache Übergehen/Ignorieren einer Meinung oder Ansicht anders Denkender und sie damit zu Unterdrücken erinnert mich persönlich übrigens äußert stark an das Regime, gegen das Herr Gauck so gezielt gekämpt hatte!)

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