Joschka Fischers Autobiographie
Der Kellner gibt dem Koch Kontra

Ein Jahr war der frühere Außenminister Joschka Fischer in den USA gewesen und hatte vor Studenten in Princeton Vorlesungen über seine Sicht der Welt gehalten. Jetzt stellte er den ersten Teil seiner Autobiographie über seine Zeit an der rot-grünen Regierung vor. Und nur auf einen damaligen Kollegen lässt er darin wenig kommen.

BERLIN. Zwei Jahre regiert nun schon die Große Koalition in Berlin. Bei vielen Politikern reicht dieser Abstand zur Macht, um das Interesse der Medien an der eigenen Person erlahmen zu lassen. Doch als Joschka Fischer sich im Saal der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften den Fragen zu seinem neuen Buch stellt, ist dieser rappelvoll.

Das hat mit Fischer selbst zu tun, der den Diplomaten-Schick früherer Jahre gegen ein offenes Hemd eingetaucht hat. Das hat ein wenig mit dem ersten Teil seiner Erinnerungen an die rot-grünen Jahre zu tun, sehr viel aber auch mit den derzeitigen Debatten bei den Grünen und in der SPD. Denn Fischer weiß: Die einstigen Koalitionspartner sind gerade dabei, das rot-grüne Erbe in der Arbeitsmarkt- und Außenpolitik zerpflücken. Da wollen viele wissen, was die Altmeister sagen. Auch Gerhard Schröder kämpft schließlich in der SPD um sein Agenda-Erbe. „Dabei zeigt sich doch jetzt, dass die Große Koalition außenpolitisch letztlich nur in den Gleisen fährt, die wir damals gelegt haben“, glaubt Fischer.

Nein, nein, das 433-seitige Buch mit den detaillierten Beschreibungen, wie bei den Grünen und in der Regierung damals etwa die Entscheidung für den Kosovo-Krieg fiel, sei nicht als Abrechnung gemeint. „Ich kehre auch nicht in die deutsche Politik zurück“, betont Fischer gleich mehrfach. Er weiß, das wird ihm stets unterstellt, solange er zur Tagespolitik Stellung bezieht und solange sich bei den Grünen keine neue überragende Führungsfigur herausgeschält hat. „Aber ich bin eben auch nicht in den Trappistenorden eingetreten“, meint der Katholik Fischer. Da er kein Schweigegelübde abgelegt habe, werde er seine Meinung schreiben und sagen. Das tat er kräftig in letzter Zeit, auch weil dies für sein Buch mit einer Startauflage von 150 000 Exemplaren förderlich ist.

Mal warnt er seine Grünen vor einem Linksruck, mal verteidigt er den Afghanistan-Einsatz, die Rente mit 67, mal befürwortet er aber auch Änderungen an der Agenda 2010. Sogar Selbstkritik mischt sich neuerdings in seine Erläuterungen. „Die Erhöhung des Benzinpreises auf fünf Mark auf dem Mannheimer Parteitag, das war auch mein Fehler“, räumt er ein.

Seite 1:

Der Kellner gibt dem Koch Kontra

Seite 2:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%