Josef Ackermann
„Viele haben Europa bereits abgeschrieben“

Der Deutsche-Bank-Chef warnt vor katastrophalen Folgen, falls Europa die Schuldenkrise nicht in den Griff kriegen sollte. Er fordert eine strengere Finanzpolitik - auch um den Preis der Aufgabe nationaler Souveränitäten.
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EssenDeutsche-Bank-Chef Josef Ackermann hat als Konsequenz aus der Euro-Schuldenkrise eine Renaissance des europäischen Gedankens gefordert. Die Staatsschuldenkrise habe die Schwächen der Europäischen Union schonungslos aufgedeckt, sagte Ackermann am Dienstag bei einem Wirtschaftsforum in Essen. Nur ein starkes Europa sei in der Lage, langfristig im Konzert der großen Nationen weiter mitzuspielen.

Derzeit gebe der alte Kontinent im Lichte der Schuldenkrise jedoch ein denkbar schlechtes Bild ab, sagte Ackermann. „Viele Menschen in Asien und den USA haben Europa schon abgeschrieben.“ Europa verliere derzeit an kulturellem und  wirtschaftlichem Gewicht. Die Schwellenländer holten in großen Schritten auf. Schon jetzt kämen über 118 der weltweit größten 500 Konzerne aus den Schwellenländern, mehr als 60 davon aus China. Allein könne daher kein europäisches Land bestehen, auch Deutschland nicht.

„Europa steht für Selbstbestimmung und Gestaltungsmacht“, sagte Ackermann.  Nur wer die kritische Masse erreiche, sei in der Lage, die Regeln mitzubestimmen – etwa die für die Regulierung der Finanzmärkte.  Wer zu klein sei, müsse die Regeln der anderen übernehmen.

Entscheidend für die Zukunft Europas sei es, endlich die Schuldenkrise in den Griff zu bekommen, betonte Ackermann. Auch um den Preis der Aufgabe nationaler Souveränitätsrechte. „Weder der Druck der Finanzmärkte, noch die Verpflichtung zu strengere Finanzpolitik gefährden die Demokratie, sondern die übermäßige Verschuldung. Sie unterminiert die Handlungsfähigkeit des Staates“, sagte der Chef der Deutschen Bank.

Reformdruck auszuüben sei legitim. Ohne nachhaltige Lösung der politischen Krise werde es auch keine Lösung der Bankenkrise geben. Europa brauche jetzt eine Renaissance des europäischen Gedankens, „eine neue Vision und eine Wachstumspolitik“.

Konkret schlug Ackermann eine stärkere Deregulierung bei den Dienstleistungen vor und eine stärkere Flexibilisierung des Arbeitsmarktes. Dazu könnten Privatisierungen viele Staatshaushalte entlasten.

Euro-Gruppen-Chef Jean-Claude Juncker betonte bei der gleichen Veranstaltung, der Euro sei eine Erfolgsgeschichte. „Ich bin stolz auf den Euro“, unterstrich der luxemburgische Regierungschef. Es sei seit der Einführung der Gemeinschaftswährung eine Menge erreicht worden: Weniger Arbeitslosigkeit, mehr Wirtschaftswachstum, auch die Inflation sei geringer als zu Zeiten der D-Mark.  „Das sind alles Erfolge gewesen, auf die man stolz sein kann“, sagte der luxemburgische Premier. Überall auf der Welt sei Europa „eine einigartige Erfolgsgeschichte.“ Nur in Europa selbst würden das die Menschen nicht so empfinden.

Europa sei weit mehr als Euro und Schuldenkrise, sagte Juncker. „Warum haben wir es eigentlich nicht geschafft, Europa zum Symbol des fast ewigen Friedens zu machen?“, fragte er.  Dies sei eine Leistung, die nicht selbstverständlich sei. „Frieden ist nicht selbstverständlich.“

Für den Euro zeigte er sich aber zuversichtlich. „Der Euro wird mich überleben“, sagte Juncker. „Und ich werde noch lange leben.“

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  • Für den Euro zeigte er sich aber zuversichtlich. „Der Euro wird mich überleben“, sagte Juncker. „Und ich werde noch lange leben.“
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    Wenn der Mann sich da mal nicht gewaltig täuscht!

  • Pro-D: Wenn Sie wirklich wollen, was Sie da behaupten, dann hängen Sie sich doch an die Aktion "pro europa"; hier will eine Gruppe von Ökonomen um den Währungsexperten Wilhelm Hankel erreichen, daß eine Entscheidung über eine zukünftige Gestalt Europas mit allen finanziellen Konsequenzen von denen getroffen wird, die es angeht, nämlich den Menschen dieses Landes, die jedes europäische Desaster bisher ausbaden mußten; und zwar durch Aktivierung des Art.146 unserer Verfassung.

  • Sehr lobenswert und scheinbar auch notwendig, apolitischen Sachverstand einzufordern, wenn die Politik so hoffnungslos versagt hat: Es gibt aber kein "starkes Europa", es gibt nur noch ein Europa, das wieder einmal auf einen Retter hofft, wie 1918 und 1945, der es aus eigenproduzierter Misere reißt. Das ist aber kaum Herr Ackermann, der ja das geworden ist, was er ist, weil er noch nie etwas anderes als eigene Interessen vertreten hat (der homo oeconomicus ist personentheoretisch leer, ein substanzloser Distanzierungsvirtuose ohne jede Moral). Er ist aber ein echtes Kind eines positivistischen Systems, daß rational sein Eigenleben organisiert und unterscheidet sich von Politikern wie Wulff, Schröder & Co nur durch Fachkompetenz und Klugheit: Neurologen der Max-Planck-Gesellschaft nehmen zu deren Gunsten an, daß es keinen freien Willen gibt (Prinz (2004:22): „Die Idee eines freien menschlichen Willens ist mit wissenschaftlichen Überlegungen nicht zu rechtfertigen.“). An der Finanzmisere ist Herr Ackermann zwar nicht schuld, er gehört aber in Europa zu den ersten, die mit einer Forderung von 25% interner Rendite den run auf die faulen subprime-Geschäfte aus USA hier eröffnet haben und ich bin überzeugt, er hat gewusst, was er tat. Ganz im Gegensatz zu den selbsternannten "Finanzmoguln" Steinbrück und Asmussen, die in Europa die größte "Verbriefungsaktion" von US-subprime-Krediten mit Hilfe der Ihnen zugeordneten öffentlichen Banken (KfW-IKB-LB) gestartet haben, was der Steuerzahler inzwischen ausgleicht. Wenn ich das alles so bedenke, muß ich wie Bertolt Brecht sagen: Die Blinden reden von einem Ausweg, ich sehe.

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