Jubiläum
BDI: Krisen-Geburtstag in Kreuzberg

Passend zur schwierigen Wirtschaftslage feiert der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) sein 60-jähriges Bestehen im speziellen Berliner Ambiente. Ein kleiner Nackenschlag für die Banken als Mitverursacher der Krise wurde dort auch ausgeteilt.

BERLIN. Wenn der frühere BDI-Chef Jürgen Thumann in Berlin weilt, nächtigt er gerne im Hotel Adlon. Die noble Herberge am Brandenburger Tor hätte wohl auch gerne die glanzvolle Party zum 60-jährigen Bestehen des Bundesverbandes der Deutschen Industrie ausgerichtet. Doch Thumanns Nachfolger Hans-Peter Keitel wählte einen anderen Ort, um gestern das runde Jubiläum der einflussreichsten Wirtschaftsvereinigung zu feiern.

Der frühere Hoch-Tief-Chef Keitel bat die Spitzen von Industrie und Politik passend zur Krise in das so bescheidene wie symbolträchtige Ambiente eines alten Postbahnhofs nach Berlin-Kreuzberg. Hier, zwischen rostigen Gleisanlagen, wild bewachsenen Gewerbegrundstücken und Grafitty-verschmierten Sozialbauten zeugen alte Fabrikhallen und Werkstore von der glanzvollen Vergangenheit der Industriestadt Berlin – aber auch vom Auf und Ab deutscher Wirtschaftsgeschichte.

Die Anwohner des rauen Viertels jedenfalls staunten nicht schlecht, wer da vor ihren Augen den gesponserten Limousinen des BMW-Fahrdienstes entstieg. BMW-Lenker Norbert Reithofer, Siemens-Chef Peter Löscher, Thyssen-Krupp-Boss Ekkehard Schulz, BASF-Vorstandschef Jürgen Hambrecht oder die RWE- und Eon-CEOs Jürgen Grossmann und Wulf Bernotat begegnen einem in dieser Gegend wahrlich nicht alle Tage.

Auch die Bundeskanzlerin, Außenminister Frank-Walter Steinmeier oder FDP-Chef Guido Westerwelle waren gekommen, um dem BDI ihre Referenz zu erweisen und, um den Wirtschaftsvertretern im Wahljahr ihre politischen Visitenkarten zu hinterlassen.

Keitel nutzte seine Feuertaufe als BDI-Präsident, um auf großer Bühne Selbstbewusstsein zu demonstrieren. Mag ja sein, dass die Welt in der tiefsten Wirtschaftskrise seit langem steckt. Für den BDI und seinen Chef ist das noch lange „kein Grund, um in Sack und Asche zu gehen“, wie auch Angela Merkel später formulierte.

Ein kurzer Film zu Beginn zeigte den tausend Gästen, dass Deutschland und seine Unternehmer ebenso wie die Arbeitnehmer schon ganz andere Zeiten durchgestanden haben. Die totale Zerstörung nach dem Krieg, der Wiederaufstieg des Wirtschaftswunderlandes, die gesellschaftlichen Umbrüche 1968, gefolgt von Ölkrise und RAF-Terror sowie schließlich die glückliche Herausforderung der Wiedervereinigung unterstrichen optisch die Botschaft Keitels zum 60. Geburtstag des BDI: „Die Namen der deutschen Unternehmen haben einen guten Klang in der ganzen Welt“, so der langjährige Top-Manager. „Wir können stolz sein auf unsere Leistung.“

Einen kleinen Nackenschlag für die Banken mochte sich der Verbandschef der „Realwirtschaft“ in seiner souverän vorgetragenen Rede allerdings nicht verkneifen. Die Unternehmen „schaffen echte Werte“, hob Keitel in Abgrenzung zur Börse hervor. Und deshalb würden es „viele Unternehmer auch nicht verstehen, wenn ihnen jetzt Kreditlinien von denen gestrichen werden, die die Krise verursacht haben“.

Gegenüber der Bundesregierung schlug der BDI-Chef im Gegensatz zu manchen seiner Vorgänger recht moderate Töne an. Die beherzten Rettungsversuche in der ersten Akutphase verdienten „Respekt“. Doch jetzt drohe „der Kompass der Ordnungspolitik“ umzuschlagen und auch der Protektionismus wieder zuzunehmen, so Keitel. Für ihn zählt jede Minute, um sich mit Strukturreformen in den Bereichen Steuern und Bildung jetzt schon für die Zeit nach Krise aufzustellen. „Wir dürfen nicht einfach unseren technologischen Vorsprung aufzehren, sondern müssen jetzt schon investieren.“ Dass Deutschland danach wieder ganz vorne liegt, steht für den selbstbewussten Chef außer Frage: „Wir trauen uns das zu.“

Daniel Goffart
Daniel Goffart
Handelsblatt / Ressortleiter
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