Jüngere Generation fehlt
"Bürgerkonvent": Protest in Lackschuhen

Der neue „Bürgerkonvent“ lädt nach München ein - und wirbt nur mit wenig Erfolg um Mitglieder.

HB MÜNCHEN. Der Auftakt der Rede war fulminant: „Seit 13 Tagen sieht Deutschland ein wenig anders aus“, verkündete der Redner im Münchener Literaturhaus, wohin der neue „Bürgerkonvent“ zur Regionalkonferenz geladen hatte. Es sei, als habe man ein „brennendes Streichholz in ein Ölfass“ geworfen. Eine „große große Minderheit“ stehe bereit, sich für einen Abbau des Reformstaus zu engagieren.

Der Redner war kein geringerer als Professor Meinhard Miegel, Direktor des von dem CDU-Politiker Kurt Biedenkopf gegründeten Bonner Instituts für Wirtschaft und Gesellschaft und nun Sprecher des Konvents. Allein dessen bundesweite Werbekampagne in Tageszeitungen und Fernsehen war so teuer, dass sich die ganze Republik fragt, wer die Geldgeber sind. „Bürger aus allen Bereichen der Gesellschaft unterstützen uns“, hatte Miegel stets versichert.

Doch die rund 150 persönlich geladenen Gäste, die zumeist in Anzug und Kostüm erschienen waren, gehörten offensichtlich vor allem dem Großbürgertum aus München und den angrenzenden Bestlagen an den Seen im Voralpenland an.

Hier eine Gräfin von Waldburg aus Dießen am Ammersee, dort Georg Obermeier, ehemaliger Vorstandschef der Viag AG. Auch Professor Hans-Werner Sinn, Chef des Ifo-Instituts, hörte sich Miegels Vortrag an, und Sigmar Mosdorf, früherer Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium.

Ansonsten fehlten aber prominente Vertreter aus Münchener Wirtschaftsverbänden und Konzernen weithin. Das beklagte auch Reinhard Abels, Chef der Werbeagentur Abels & Grey, der an dem Abend die Anzeigenkampagne vorstellte. Die Leute hätten „Angst, sich öffentlich zu einem Bürgerkonvent zu bekennen“.

Weitgehend fehlte auch die jüngere Generation, die der größte Nutznießer der Miegelschen Reformen wäre: Ein Drittel der Gäste, welche Stefanie Wahl, die Miegel seit 26 Jahren zur Seite steht, nach Münchener Art mit Bussi links, Bussi rechts begrüßt hatte, waren eher im fortgeschrittenen Alter. Und die wenigen adrett gekleideten Besucher unter 30 machten den Eindruck, als würde sie eine Erhöhung der Erbschaftsteuer weit schmerzlicher treffen als eine Absenkung des Rentenniveaus.

Begeisterungsstürme entfachte die Rede Miegels nicht. Die Anwesenden blieben skeptisch. „Es klingt ja alles ganz wunderbar, doch was ich nicht sehe, ist die konkrete Umsetzung“, monierte ein Gast. Miegels Anwort lautete vage: Alles werde Schritt für Schritt laufen. Erst käme die Werbekampagne zur Steigerung der Bekanntheit, dann würden Relevanz und Notwendigkeit des „Bürgerkonvents“ verdeutlicht. Gleichzeitig werde er die Truppen sammeln, um im Herbst mit den Aktionen zu beginnen.

Wer gehofft hatte, in München endlich Spendernamen zu erfahren oder Zeuge zu werden, wie die regionale Prominenz geschlossen dem Konvent beitritt, wurde enttäuscht. Professor Sinn verließ wie viele andere die Veranstaltung direkt nach den Reden, einzig Obermeier kam auf seinen alten Bekannten Miegel zu und erklärte, er könne sich eine Mitwirkung vorstellen.

Miegel zufolge ist der Zustrom zum Bürgerkonvent jedoch ungebrochen: täglich stießen Interessierte dazu, 1 500 seien schon beigetreten. Eberhard von Kuenheim, Ex-BMW-Chef, habe ihm geschrieben, dass man sich mal zusammen setzen solle, und Roland Berger wolle er selbst noch einmal ansprechen. Vielleicht nicht ganz unerwartete Resonanz hat es auch von anderer Seite gegeben: Frau Merkel persönlich habe Miegel angerufen und eingeladen, vor der Bundestagsfraktion der Union zu referieren.

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