Jürgen Hambrecht im Interview
„Keinen Gartenzaun um Deutschland“

Der Vorsitzende des Asien-Pazifik-Ausschusses, Jürgen Hambrecht, spricht im Interview über den Besuch des Dalai Lamas im Kanzleramt und die Debatte über einen Schutz deutscher Unternehmen vor ausländischen Staatsfonds. Zudem beantwortet er die Frage, ob der Investitionsstandort China seinen Glanz verloren hat.

Handelsblatt: Herr Hambrecht, in letzter Zeit mehren sich in westlichen Medien Negativberichte über den Investitionsstandort China. Die Vorschriften über den „local content“ werden verschärft, es gibt Klagen über den Diebstahl geistigen Eigentums. Verliert China als Investitionsstandort an Glanz?

Hambrecht: Sicher verliert der Investitionsstandort China nicht an Interesse. China ist die zentrale Volkswirtschaft in Asien, die einen hohen eigenen Bedarf hat. Alle Firmen, die in China investieren, sehen das Land deshalb zuerst als riesigen Markt, weniger als Exportstandort. Daran hat sich nichts geändert.

Die Berichterstattung über China fällt dennoch negativer aus…

Weil China bei uns mittlerweile als Synonym für alle möglichen Probleme der Globalisierung missbraucht wird. Das Land wird vor allem als Wettbewerber im Bereich der Produkte wahrgenommen, für die weniger qualifizierten Arbeitskräfte benötigt werden. Dabei ist China selbst auf dem Weg, eine Innovationsgesellschaft zu werden. Das eigentliche Thema ist also im Grunde ein anderes: China wird selbstbewusster. Deshalb werden deutsche Firmen nicht mehr ganz so selbstverständlich mit offenen Armen empfangen wie früher. Der Vorteil ist aber, dass China mehr und mehr auch der Verantwortung gerecht wird, die mit seiner wirtschaftlichen Stärke verbunden ist. In diesem Wechselspiel tun wir gut daran, China nicht als Gefahr zu sehen, sondern als riesige Chance.

Viele Firmen klagen doch, dass China diesen Weg in die Innovationsgesellschaft auch mit unfairen Mittel geht.

Es stimmt, es gibt da das ein oder andere Problem. Aber es ist nicht in Ordnung, China deshalb ständig als riesengroße Gefahr zu karikieren. Die rechtlichen Rahmenbedingungen entsprechen mittlerweile vollständig internationalem Niveau. Bei der Umsetzung dieses Recht ist das Land sicher noch lange nicht so weit, wie wir uns dies wünschen. Aber in China melden heute chinesische Unternehmen bereits mehr Patente an als ausländische Firmen. Der Schutz geistigen Eigentums wird deshalb aus eigenem Antrieb vorangetrieben. Wir hätten China gerne so wie Deutschland. Und zwar sofort, als ob man einen Lichtschalter umlegt. So wird dies nicht funktionieren.

Mittelständler klagen, dass sich große Unternehmen das Warten auf das perfekte China leisten können, sie aber nicht.

Von Problemen sind alle Firmen betroffen. Deshalb tut jede Firma gut daran, entsprechende Maßnahmen zu ergreifen. Drei Dinge sind bei einem China-Engagement wichtig: Erstens die eigenen Produkte wirklich durch Patente absichern – das haben viele nicht gemacht. Zweitens die richtigen Mitarbeiter einstellen – denn man muss sich im Klaren sein, dass Mitarbeiter etwas mitnehmen können, wenn sie gehen. Am wichtigsten aber ist: Wer seine Technologie in China produzieren lässt, muss die nächste Generation schon im Köcher haben.

Muss China nicht auch mehr politische Verantwortung zeigen? Von Iran, über Sudan bis Birma wird der Führung in Peking mittlerweile vorgeworfen, gerade dies nicht zu tun.

Chinesen scheinen mittlerweile an allem Schuld zu sein. Ob die Milch bei uns teurer wird, ob es in der U-Bahn keinen Platz mehr gibt, ob im Sudan ein Krieg tobt oder in Birma die Militärjunta einen Aufstand niederschlägt – überall wird China als Schuldiger entdeckt. Es ist absolut ungerechtfertigt, wie wir mit China umgehen. Mich würde interessieren, wie wir reagieren würden, wenn wir mit ähnlichen Vorwürfen konfrontiert würden.

Seite 1:

„Keinen Gartenzaun um Deutschland“

Seite 2:

Seite 3:

Seite 4:

Seite 5:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%