Jürgen Stark
„Das Vertrauen in die EZB geht verloren“

Der frühere Chefvolkswirt der EZB beklagt, dass sich die Notenbanken in einen Teufelskreis begeben hätten. Im Interview erklärt Jürgen Stark, warum sein Rücktritt zu spät kam und die Inflationsrate bald steigen könnte.
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Handelsblatt: Herr Stark, wie weit dürfen Zentralbanken bei der Krisenbewältigung Ihrer Ansicht nach gehen?
Jürgen Stark: Die Zentralbanken müssen eine Rolle spielen in dieser Krise, und ich glaube, diese Rolle haben sie gespielt, als die Krise akut war. Rasches Handeln, Zinssenkungen, solange die Preisstabilität nicht gefährdet ist, und substituierend für den nicht funktionierenden Interbankenmarkt eintreten. Das ist geschehen. Nur, für jede solche Maßnahme gilt: Sie darf nur so lange zur Anwendung kommen, wie das dringend notwendig ist. Es darf aber nicht zu einer Perpetuierung dieses Einsatzes kommen – und diese Perpetuierung sieht man derzeit. Wenn ich die geldpolitischen Bedingungen global betrachte, sind sie heute lockerer als auf dem Höhepunkt der Krise nach Lehman.

Die Notenbanken sind zum neuen Heilsbringer der Politiker geworden.

Es ist eine Erwartungshaltung gegenüber den Zentralbanken entstanden, die sie zum Teil selbst geschürt haben, indem sie sagten, wir stehen bereit, wir retten alle. In dieser Erwartungshaltung sind immer neue Forderungen auf die Notenbanken zugekommen. Im Grunde sollen sie alles tun: Nicht nur Preisstabilität gewährleisten, sondern auch die Arbeitslosigkeit gering halten, die Zinsstruktur über das Fristenspektrum steuern, die notwendigen Bilanzanpassungen mildern. Es ist eine multifunktionale Aufgabe, die den Zentralbanken plötzlich zugewiesen wird – und das gefährdet ihren eigentlichen Auftrag.

Die Europäische Zentralbank hat den Banken im Dezember und Februar mehr als eine Billion Euro für drei Jahre zum günstigen Leitzins zur Verfügung gestellt. Haben Sie für die Einführung der Maßnahme gestimmt?

EZB-Präsident Mario Draghi hat das Thema geöffnet und gesagt, dass ich diesem Vorgehen zugestimmt habe. Ich habe zugestimmt, aber unter anderen Bedingungen, nämlich ohne Zinssenkung im Dezember.

Sind diese Billionensummen, die da zum Einsatz kommen, eigentlich noch beherrschbar?

Wir haben ein Bilanzvolumen der Europäischen Zentralbank von mehr als drei Billionen Euro. Das ist eine enorme Aufblähung. Das heißt, die Bilanz hat sich seit 2007 mehr als verdreifacht und beläuft sich nun auf immerhin etwa 30 Prozent der Wirtschaftsleistung des Euro-Gebiets. Aber es geht nicht alleine um das Volumen.

Worum noch?

Durch diese Dreijahresverpflichtung ist ein Stück Flexibilität der EZB verloren gegangen. Diese langfristigen Kredite ersetzen Operationen mit kurzer Frist. Damit hat sich das, was kurzfristig an Liquiditätssteuerung möglich ist, auf weniger als zehn Prozent der insgesamt bereitgestellten Kredite reduziert. Allerdings gibt es eine Opting-out-Klausel, das heißt, die Möglichkeit, die langfristigen Dreijahreskredite bereits nach Ablauf eines Jahres zurückzuzahlen.

Glauben Sie denn, dass diese Ausstiegsklausel eine Bank wahrnimmt?

Ich weiß es nicht. Die Europäische Zentralbank hat ja auch aktiv für die Teilnahme an dieser Operation geworben. Es sei kein Stigma für die Banken, sich mit dem günstigen Geld zu versorgen.

Ist das nicht eine Subventionierung des Finanzsektors?

Es ist die Ermöglichung sogenannter Carry Trades. Das bedeutet, die Banken erhalten Kredit zu einem Zins von einem Prozent und können in einigen Ländern Staatspapiere kaufen, die mit viereinhalb bis fünf Prozent verzinst werden.

Im Klartext: Das ist der todsichere Profit, eine Einladung an die Banken zum Geldverdienen.

Ja natürlich, sie könnten aber auch die Realwirtschaft finanzieren. Es schreibt ihnen keiner vor, wie sie das Geld verwenden.

Sind wir in eine Staatsfinanzierung eingestiegen?

Wir befinden uns in einem Teufelskreis.

Kommentare zu " Jürgen Stark: „Das Vertrauen in die EZB geht verloren“"

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  • Glauben Sie im Ernst Stark könnte sagen "die Kanzlerin hat mich im Stich gelassen?". Das ist das Gleiche wie Druck! Nur Angie-like etwas "staatsmännischer; man lässt auflaufen. Das braucht keinen Druck.

  • Sie sprechen von einer gelenkten Demokratie?

  • Hier muss ausgeklärt werden!

    Wer hat hier wen unter Druck gesetzt?

    Normal ist, dass eine unabhängige Presse das selbst erkennt und nicht zum jagen getragen werden muss. Hat sie denn keine eigene Ehre mehr.

    Die Bobbycar-Story war offensichtlich interessanter in der Wertschätzung. So verfilzt kann doch unsere Presse nicht sein.

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