Jürgen Stark: Ein Mann der klaren Worte

Jürgen Stark
Ein Mann der klaren Worte

Ob seine Meinung populär ist oder nicht, ist für Jürgen Stark zweitrangig. Es geht ihm um die Sache. Damit hat er sich Respekt erarbeitet – und darum fällt auch sein Name, wenn es um den deutschen Kandidaten für die Nachfolge des Chefs der Europäischen Zentralbank (EZB) geht.
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DüsseldorfJürgen Stark ist ein Überzeugungstäter. Wenn er mit etwas nicht einverstanden ist, kann er nicht anders, als sich mit seiner persönlichen Meinung zu Wort zu melden. So wie jetzt, wo er mit den ganzen Rettungspaketen für die Euro-Staaten nicht einverstanden ist. Zur Sicherung des Finanzsystems werde ein Riesenrettungsschirm aufgespannt, „der zu neuen Ungleichgewichten über weltweit höhere Inflation oder zu zusätzlichen steuerlichen Belastungen führen kann“, schrieb er in der vergangenen Woche in einem Gastbeitrag für das Handelsblatt. Das Finanzsystem gegen alle Risiken zu sichern sei nicht nur illusorisch, es widerspreche auch seiner grundlegenden Funktionsweise.

Ob seine Meinung populär ist oder nicht, ist für Stark zweitrangig. Es geht ihm um die Sache. Damit hat er sich Respekt erarbeitet – und darum fällt auch sein Name, wenn es um den deutschen Kandidaten für die Nachfolge des Chefs der Europäischen Zentralbank (EZB) geht.

Starks Nachteil: Er gehört bereits dem EZB-Direktorium an und darf laut Statuten nicht länger als bis 2014 bleiben. Er wäre also nur ein Übergangspräsident. Ob das in den schweren Zeiten für den Euro sinnvoll ist, bezweifeln einige Experten.

Vielleicht muss Stark aber auch gar nicht warten, bis die Entscheidung über den nächsten EZB-Chef fällt. Denn Beobachter halten es für sehr wahrscheinlich, dass er auf Bitten der Bundesregierung vorzeitig aus dem EZB-Direktorium ausscheiden und auf den Chefsessel der Bundesbank wechseln wird.

Das wäre dann schon das zweite Mal, dass Stark als Helfer in der Not für die Bundesbank einspringt. Als 2004 der damalige Bundesbank-Präsident Ernst Welteke wegen der Adlon-Affäre sein Amt niederlegen musste, übernahm Stark, zu der Zeit Bundesbank-Vize, kommissarisch die Leitung der Notenbank. Er hat diese Aufgabe damals mit Bravour bewältigt und die arg angeschlagene Bundesbank wieder auf Kurs gebracht.

Auch bei der EZB hat Stark bislang ausgezeichnete Arbeit geleistet – obwohl das nicht von Anfang an leicht war. Als er 2006 in den Frankfurter Eurotower wechselte, musste er die Fußstapfen seines Vorgängers Otmar Issing füllen, des ersten Chefvolkswirts der EZB. Aber Stark hat sich sehr schnell den Respekt der Öffentlichkeit und der Medien verdient. Bald wurde er allenthalben als „Chefvolkswirt“ der obersten europäischen Währungsbehörde akzeptiert.

Stark gilt von jeher als Vertreter einer strikten Geldpolitik. Aber er ist auch der Institution, für die er arbeitet, verpflichtet. Das hat er Anfang Mai vorigen Jahres klar unter Beweis gestellt. Damals entschied der EZB-Rat nach heftigen Diskussionen gegen den Willen von Stark und Bundesbank-Chef Axel Weber, Staatsanleihen am Sekundärmarkt zu kaufen, um die Übertragung der zinspolitischen Impulse am Geldmarkt zu stützen. Während Weber nach dem Beschluss an die Öffentlichkeit trat und klarmachte, dass er den Anleihekauf ablehne, hörte man von Stark kein Wort. Er betrachtete den Beschluss des Rates als von ihm mitgetragen und kritisierte ihn nicht mehr.

Zum ersten Mal von sich reden gemacht hat Stark 1995 als Staatssekretär im Bundesfinanzministerium. Als persönlicher Beauftragter des damaligen Bundeskanzlers Helmut Kohl bereitete er die Weltwirtschaftsgipfel vor. Beobachter lobten schon damals sein exzellentes Wissen, seinen nüchternen analytischen Verstand, seine preußische Arbeitshaltung und Hartnäckigkeit in Verhandlungen, sagten ihm gelegentlich aber „Schwierigkeiten mit der Gratwanderung zwischen Parlament und Exekutive“ nach.

Als Experte der Bundesregierung für Währungsfragen vertrat er einen Kurs der harten D-Mark und des Euros und hatte mit dem damaligen Finanzminister Theo Waigel wesentlichen Anteil an dem Zustandekommen des Stabilitätspakts für den Euro. Sein entschiedenes Eintreten bei den Vorbereitungen zur Währungsunion machte ihn für die französische Presse zu einem Mann, der „die deutsche Philosophie vom Null-Defizit“ verkörperte.

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