Jürgen Trittin: „Im BDI bestimmt der Langsamste das Tempo“

Jürgen Trittin
„Im BDI bestimmt der Langsamste das Tempo“

Der Grünen-Fraktionschef beschreibt im Handelsblatt-Interview, wie sich Wirtschaft und Grüne annähern. Er sagt aber auch, was er an der Industrie nicht mag, warum ein höherer Spitzensteuersatz sein darf – und wie er selbst als linker Ideologe mit Managern auskommt.
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Die Grünen brechen Umfragerekorde – wie viele der neuen Anhänger kommen aus dem bürgerlichen Lager?

Jürgen Trittin: Die meisten sind frühere SPD- oder Nichtwähler. Dazu kommt ein kleiner Teil enttäuschter Anhänger von Union und FDP, für die wir offenbar die attraktivste Alternative sind.

Sie demonstrieren wieder gegen die Atomlobby – stellen sich die Grünen erneut als Feinde der Großindustrie auf?

Trittin: Nein. Man darf vier Monopolisten nicht mit der Großindustrie verwechseln. Deren Begünstigung benachteiligt viele andere. Allein die Stadtwerke kostet das zehn Milliarden Euro und führt wegen des gedämpften Wettbewerbs zu höheren Preisen. Die treffen dann gerade auch die energieintensive Industrie und die Haushalte.

Also die Regierung mit den Bösen und die Grünen mit den Guten?

Es geht nicht um gut und böse, sondern um gut 100 Milliarden, die der Bund in die Kasse von vier Unternehmen schiebt, die davon nur rund 15 Prozent wieder für erneuerbare Energien abgeben müssen. Gleichzeitig werden die im Vertrauen auf stabile Rahmenbedingungen getätigten Investitionen in Erneuerbare und Kraft-Wärme-Kopplung entwertet. Die Regierung verspielt die industrielle Vorreiterstellung Deutschlands.

Wie stehen Grüne generell zur lange ungeliebten Wirtschaft?

Anders als in den Anfangsjahren haben wir heute Antworten auf die wesentlichen industriepolitischen Herausforderungen. Wer wettbewerbsfähig bleiben will, muss effizienter mit Rohstoffen umgehen, anders haben die Säulen der deutschen Wirtschaft – Maschinenbau, Automobilindustrie, aber auch die Chemie – keine Chance.

Viele Grüne unterscheiden zwischen bösen Konzernen und gutem Mittelstand.

Modernisierungen der letzten Jahre kamen eher aus kleineren Unternehmen – etwa im IT- oder im Pharmabereich. Großunternehmen dagegen sind oft so bürokratisch und verkrustet, dass manches Bundesministerium modern wirkt. Im Klub des BDI gibt grundsätzlich der Langsamste das Tempo vor, viele Innovationen und Leitbranchen sind im Konflikt gegen den großen Verband entstanden. Der Umbau von Siemens aber zeigt, dass auch Konzerne zu Innovationen fähig sind.

Also sind die Grünen heute eine wirtschaftsfreundliche Partei?

Wir sind innovationsfreundlich. Wer Angst vor Modernisierung hat, findet das sicher unfreundlich.

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