Junge Union buht Merkel aus
Momente der Fremdheit

Auf dem Deutschlandtag der Jungen Union in Wiesbaden muss sich Angela Merkel der Kritik der Jugend stellen. Seit der verlorenen Bundestagswahl ist die Unzufriedenheit unter den Nachwuchspolitikern groß. Für die Bundeskanzlerin ist der Auftritt kein wirkliches Heimspiel.

WIESBADEN. Gleich am Anfang ihrer Rede fängt sich Angela Merkel ein paar Buhrufe ein. Nicht sehr viele, nicht laut und nicht sehr aggressiv. Aber hörbar.

Dabei hatte sie ein Lob ausgesprochen, für die Wahl zweier Frauen in die Männerriege der stellvertretenden Bundesvorsitzenden der Jungen Union (JU). Wie gut, hatte sie gesagt, dass sich jetzt „die gesellschaftliche Vielfalt“ im Bundesvorstand wiederspiegelt. Die JU will aber für so etwas nicht gelobt werden. Am Vorabend hatte ihr Chef Philipp Mißfelder sich Merkels Vertraute Ursula von der Leyen vorgeknöpft, deren Familienministerium sich wie zu rot-grünen Zeiten mit seinen Erfolgen im „Gender Mainstreaming“ brüste. Und jetzt lobt Merkel die Junge Union als Antidiskriminierungs-Bastion?

Es ist einer dieser Momente der Fremdheit, die es früher so häufig gab zwischen Merkel und ihrer Partei und die nach ihrer Kanzlerkandidatur seltener geworden waren. Der Deutschlandtag der JU in Wiesbaden ist für Merkel kein unheikler Termin: Gesellschaftspolitisch konservativ und wirtschaftspolitisch liberal, hatte die JU den Reformkurs des Leipziger Parteitags und Merkels radikalreformerischen Wahlkampf leidenschaftlich unterstützt. Schon im letzten Jahr in Augsburg hatte sich der Unmut über die verlorene Bundestagswahl lautstark entladen. Seither ist die Stimmung nicht besser geworden. Große Koalition, das heißt Politik machen ohne politischen Gegner. Das macht schon in der erwachsenen Union keinem Spaß, bei der Jugend um so weniger.

Auf der anderen Seite hat auch in der JU keiner eine bessere Idee, wie mit dem Wahlergebnis umzugehen wäre. Wie sehr dieses Dilemma die Parteijugend quält, lässt sich schön an einer Szene während Merkels Rede schildern. Die Kanzlerin hatte gerade den rot-grünen Atomausstieg als falsch bezeichnet, die Delegierten zu klatschen begonnen. Auf einmal zeigt sich amüsierte Überraschung auf Merkels Gesicht: Die hören gar nicht mehr auf zu applaudieren. Mehrfach setzt sie an, doch sie kommt nicht zu Wort – als wollte der Saal den schönen illusionären Moment einer harten, klaren Unionsposition nicht enden lassen. „Also“, verschafft sich Merkel endlich Gehör, „jetzt kommt die schlechte Botschaft: Die Sozialdemokraten halten es leider für richtig.“ Der Jubel schlägt nach einem Moment des Schweigens in laute Pfui-Rufe um. Merkel lachend: „Das darf uns nicht davon abhalten, das Thema Energie überhaupt zu behandeln. Wir müssen als Union mutiger an die Dinge herangehen.“

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