Kabinettssitzung
Großer Koalition, letzter Akt: Man sieht sich

Ein, zwei Scherze müssen genügen: Ein letztes Mal hat das Kabinett der Großen Koalition getagt. Man tat so, als ob es gar keinen Regierungswechsel gibt – beiderseits. Der Modus der letzten schwarz-roten Kabinettssitzung ist auf „business as usual“ eingestellt. Emotionen, auch nur Krokodilstränen? Fehlanzeige. Ein Protokoll.

BERLIN. Keine kleinen Geschenke, keine großen Reden. Nicht einmal Häppchen stehen im Großen Kabinettssaal des Kanzleramtes, als die Minister der Großen Koalition am Mittwochmorgen um kurz nach neun Uhr eintrudeln. Einträchtig tuscheln die alten – und vielleicht auch neuen – Unions- und die noch amtierenden SPD-Minister miteinander. Fast scheint es, als habe es nie eine Bundestagswahl gegeben. Der Modus der letzten schwarz-roten Kabinettssitzung ist auf „business as usual“ eingestellt.

Große Emotionen zum Ende der Großen Koalition? Oder wenigstens ein paar Krokodilstränen? Fehlanzeige.

Das ändert sich auch nicht, als Bundeskanzlerin Angela Merkel mit ihrem Vize Frank-Walter Steinmeier im Schlepptau hereinrauscht. Händeschütteln, Lächeln – alles wie immer. Als die Fotografen den Raum verlassen, unterbindet Merkel sofort jedwede Rührseligkeit. „Wir brauchen jetzt keine persönlichen Erklärungen oder humoristischen Rückblicke zu starten“, mahnt sie. Dazu habe man ja Zeit beim Abendessen am Donnerstag, zu dem Merkel geladen hat.

Erst dann darf sich der schwarz-rote Kabinettsklub bei Kürbiscremesuppe und Krustenbraten launig etwaigen Trennungsschmerzen hingeben – falls es überhaupt verbale Nachtritte im weiblichsten Bundeskabinett geben wird, das die Bundesrepublik jemals hatte.

Dass die Kanzlerin 2009 dazu in den achten Stock des Kanzleramts, in den intimsten Bereich „ihres“ Regierungsreiches bittet, wirkt ungewollt passend. Denn die vorherrschende Stimmung der scheidenden Regierungsmannschaft war immer ein Die-da-und-wir-hier-Gefühl.

„Die da“, das sind die vielen Politiker von Union und SPD, die seit vier Jahren draußen in der Republik den ständigen Kampf mit dem Koalitionspartner eingefordert hatten. „Wir hier“, das war der traute Kreis der Kabinettsmitglieder, die sich bei ihren Sitzungen jeden Mittwoch im Saal mit dem überwältigenden Ausblick auf den Tiergarten, den Potsdamer Platz und den Reichstag eigentlich bestens verstanden.

Welche Schizophrenien das auslöste, zeigte Franz Müntefering. Als er, noch als SPD-Vizekanzler, Mittwoch für Mittwoch hinter der Kanzlerin in den Kabinettssaal gedackelt war, hatten empörte Sozialdemokraten kritisiert, dass er dabei immer lächle. Fortan trug Müntefering beim Einzug einen roten Schal und schaute grimmig. Doch kaum hatten die Kameras den Raum verlassen, faltete er den Schal ordentlich zusammen und setzte ein Lächeln auf. Solche professionellen Kniffe brachten vier Jahre – durchaus nicht von allen erwartet – stabile Regierungsarbeit.

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