Kaltreserve muss her
Starkwind fordert das Stromnetz heraus

Es ist paradox: Weil der Wind stark bläst und im Norden viel Strom in das Netz presst, müssen in Österreich Reservekraftwerke angeworfen werden. Trotzdem wird Strom ausgerechnet nach Österreich exportiert.
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BerlinEnergieexpertin Charlotte Loreck vom Berliner Öko-Institut fällt spontan das Bild von einem großen Tuch ein, das in der Höhe gehalten werden soll. Dafür müsse es an allen Seiten festgehalten werden. Ähnlich sei es mit dem Stromnetz, sagt sie. Wenn der Strom nicht gleichmäßig verteilt ist und vernünftig fließt, kann die gesamte Stabilität gefährdet sein.

Genau dieses Risiko fürchtete der süddeutsche Übertragungsnetzer Tennet, weil eine Starkwindphase im Norden viel Strom in das Netz presste, im Süden aber zu wenig Strom zur Verfügung stehen könnte. Daher zapfte Tennet am Dienstag zum ersten Mal in diesem Winter Strom aus Reservekraftwerken an.

Die Prognosen hatten eine Produktion von bis zu 24 000 Megawatt Windstrom vorausgesagt. An der Leipziger Strombörse fielen die Preise für den kurzfristigen Stromeinkauf für Dienstag auf bis zu 0,8 Cent je Kilowattstunde, normal sind etwa 5 Cent. Im Norden wie im Süden wurde daher reichlich Strom eingekauft.

Das Problem: Der Windstrom aus dem Norden kann mangels Netzen nur bedingt in den Süden geleitet werden. „Das ist unser Flaschenhals, deshalb forcieren wir ja den Netzausbau“, sagt Rudolf Boll von der Bundesnetzagentur. Aber auch die Einkäufer im Süden müssen ihren Strom geliefert bekommen. „Es ist nicht einfach zu erklären“, kommentiert Boll die Turbulenzen im Netz.

Damit das von Energieexpertin Loreck beschriebene Tuch nicht an einer Seite heruntersackt, aktivierte der Übertragungsnetzbetreiber Tennet vier Reservekraftwerke. In Deutschland war dies das Gaskraftwerk Staudinger 4 (Hessen), in Österreich das Kombikraftwerk Theiss in Maria Enzersdorf (Niederösterreich), das Gaskraftwerk Korneuburg (Niederösterreich) und das Gas/Ölkraftwerk Werndorf bei Graz.

Es wurden bis zu 1000 Megawatt angefordert, vor allem um das Netz infolge der sehr unterschiedlichen Stromproduktion stabil zu halten. Tennet-Sprecherin Ulrike Hörchens sagt: „Das ist vorsorglich geschehen“. Eben wegen des Starkwinds im Norden und der daraus resultierenden Implikationen auch für das süddeutsche Netz.

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Eine knifflige Aufgabe für die Politik

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  • @HofmannM
    Sie haben Recht, das Handelsblabla hat die Situation falsch dargestellt. Es hat nämlich unterschlagen, dass trotz reichlich Windstrom auch gleichzeitig immer noch zu viel konventioneller Strom in Deutschland erzeugt wird, der somit den Markt überschwemmt und lieber ins Ausland verschenkt wird, als dass man dem Windstromaufkommen entsprechend die Kraftwerke herunterregelt. Das Netz kann demnach gar nicht so schwach sein, wie immer behauptet wird.
    Dennoch haben Sie nicht richtig hingesehen. Wohl wieder etwas in Rage gewesen?! Von wegen, die Mühlen müssten wegen Sturm abgeschaltet werden, es lagen 22 Gigawatt Windleistung an! Zwar müssen die Mühlen tatsächlich bei Sturm abschalten. Das betrifft dann aber nicht den ganzen Anlagenbestand gleichzeitig. So eine Sturmfront zwingt allenfalls regional begrenzt einen Teil der Anlagen zum Abschalten, während die anderen noch oder wieder in Betreib sind. Also bitte keine Dramatik.
    P.S. Wie weit sind Sie denn inzwischen mit dem Bau Ihrer Photovoltaikanlage vorangekommen?

  • Falsche Darstellung!
    Meiner Meinung nach tritt hier das zweite Problem der Energie-/Stromgewinnung aus dem Element Luft auf.
    Diese Windmühlen haben ja nicht nur das Problem der Flaute bzw. des Schwachwinds sondern auch das Problem der Orkanwind bzw. Wirbelstürme.
    In beiden Fällen kann die Windmühle keine Leistung erbringen.
    Bei Orkanstärken müssen sich diese Windmühlen aus dem Wind drehen, damit diese Technik keinen schaden nimmt. Somit ist diese Windmühlentechnik bei eine bevorstehenden Orkan, der heute bzw. morgen über Deutschland ziehen soll vollkommen nutzlos. Die Windmühlen stellen (vorsichtshalber?) ihren Stromerzeugungsbetrieb ein. Vorsichtshalber deswegen, weil wahrscheinlich keiner genau berechnen kann, wo genau (Ort und Zeit) und wie stark dieser Orkanwind zuschlagen wird.
    Somit müssen dann wieder die fossilen Kraftwerke für die Netzstabilität/bzw. Versorgungsgewährleistung herhalten.
    Zum Eigenschutz der Windmühlen schalten die Windmühlenerzeuger ihre Windmühle vorsichtshalber im vornherein ab. Es kann natürlich auch sein, dass die Netzbetreiber die Windmühlenbetreiber dazu angehalten haben ihre Windmühlen, in der Phase der Orkanzeit, abzustellen. Damit können die Netzbetreiber ihr Netz besser und damit kontorlliert in Betrieb halten.
    Die Windmühlenerzeuger bekommen bestimmt eine Ausfallprämie vom deutschen EEG-Zwangsabgabenzahler dafür.
    Meiner Meinung nach zeigen beide Variante eine sehr angespannte Lage in der technischen sowie auch in der wirtschaftlichen Machbarkeit an.
    Übrigends hätten diese Windmühlenenergieerzeuger bei einem Wibelsturm "Sandy" auch aus dem Wind gedreht werden müssen um keinen Schaden davon zu nehmen! In dieser Zeit des Wirbelsturmaustoben können Die Windmühlen wie auch die Solarmodule keinen Beitrag leisten. Im Gegenteil. Diese Erneuerbare Energietechnik hätte bei einem Wirbelsturm wie "Sandy" erhebliche Schäden davon getragen!

  • Das Handelsblabla läuft in Sachen Meinungsmache mal wieder zur Hochform auf! Ich frag mich wo das Problem ist. Wir erzeugen 22 Gigawatt Windstrom und brauchen, um im südlichsten Zipfel das Netz stabil zu halten, 1 Gigawatt Reserve. Besteht unser Problem etwa darin, wegen der noch nicht optimalen Netzstruktur 5 Prozent konventionelle Kraftwerke betreiben zu müssen, um 95 Prozent unseres Bedarfs aus Windstrom decken zu können und davon sogar noch 7 Gigawatt ins Ausland zu verkaufen? Man geilt sich hier an dem 1 Gigawatt Reserve auf und erwähnt mit keinem Wort, wie viele Braunkohlekraftwerke wir wegen der Windleistung herunterfahren und dadurch Kohle sparen und Schadstoffe vermeiden können! Gehört das Handelsblatt etwa schon der BILD?

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