Nur sorgt Beck in der Zwischenzeit selbst dafür, dass sich SPD und Öffentlichkeit langsam an das Bild einer Doppelspitze gewöhnen: Steinmeier soll als einziger seiner drei Stellvertreter am Wahlprogramm mitwirken, es müsse keine Personalunion von SPD-Chef und Kanzlerkandidaten geben. Die positive Lesart ist, dass das rheinland-pfälzische Schlitzohr den Außenminister innerparteilich stärken will: Je zwangsläufiger seine Kandidatur scheint, desto kompromissbereiter müssen alle sein. Ein Kandidat braucht ein Programm, das zu ihm passt - das versteht selbst die Parteilinke. Und bei Steinmeier bedeutet dies unbestritten einen Mitte-Kurs.
Die negative Lesart ist, dass Beck seinen Vize endgültig an die Leine gelegt hat: In Wahrheit kann Steinmeier kaum noch vor der Verantwortung davonlaufen, bei einer hoffnungslos erscheinenden Wahl 2009, selbst wenn er weitere politische Kröten schlucken muss.
Deshalb muss man die zweite Schlüsselszene im derzeitigen Leben des Kandidaten-Kandidaten verstehen. In der Eilenriedehalle in Hannover krempelt Steinmeier am 21. Juni 2008 die Ärmel seines weißen Hemdes nach oben. Er will sich vorbereiten auf das vielleicht Unvermeidliche. Also übt er auf dem Landesparteitag der Niedersachsen-SPD das Kämpfen. "Ich kommentiere diesen täglichen Scheiß nicht mehr", wütet er über die Personalspekulationen. Mit Wucht fordert er Ent- und Geschlossenheit der SPD. Wer die Augen schließt, denkt an seinen Ziehvater Gerhard Schröder. Steinmeier arbeitet und schwitzt, er muss beweisen, dass er nicht nur große Politik, sondern auch "Partei kann".
Das ist nicht einfach, denn ein geborener Volkstribun ist der bedächtige Jurist nicht. Immerhin ist er unter Führung seines Beraterteams seit 2005 dabei, sein Beamten-Mäntelchen und die Bürokraten-Sprache abzulegen. Um Volksnähe zu beweisen, lassen sie Steinmeier im Yankee-Stadion in Boston im roten Blouson einen Baseball werfen, launige Reden als Grünkohlkönig halten oder treiben ihn zum "Bunte"-Interview. Plötzlich wird die Erinnerung an die Fußball-Jugend im TuS 08 Brakelsiek gepflegt. All das produziert Bilder, die ein Kandidat braucht, aber nicht ein Außenminister.
Auch das gehört zum "System Steinmeier": Noch ist er uneitel genug, um andere beurteilen zu lassen, was er selbst nicht kann. Dafür nutzt er sein breites Netzwerk. Denn seit seiner Zeit als Schröders oberster Krisenmanager verfügt er über Kontakte in alle Ministerien. Systematisch hat der SPD-Politiker zudem ein Netz über die Politik hinaus ausgeworfen - in Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur. Folglich wächst die Liste der FROST (Friends of Steinmeier), sie reicht vom Evonik-Chef Werner Müller bis zu Russlands Präsidenten Dmitri Medwedjew.


