Kanzler und Kanzlerkandidatin liefern sich ein vorwiegend sachliches TV-Duell
Kontrollierter Schlagabtausch

Steuerfragen und soziale Reformen haben weite Teile des Fernsehduells am Sonntagabend zwischen Bundeskanzler Gerhard Schröder und seiner Herausforderin Angela Merkel bestimmt.

Nach 45 Minuten zieht Gerhard Schröder die Patrioten-Karte. Sein sonores Organ schwillt an, und der Kanzler zeigt Temperament: "Wie man so negativ über sein eigenes Land reden kann wie Sie, das verstehe ich nicht. Das ist so falsch, Frau Merkel. Und so gefährlich." Das sitzt. Angela Merkel fällt dagegen als Konter wenig mehr ein als die im Wahlkampf hundertfach erprobte Formel, dass die Rede von den sieben guten rot-grünen Jahren der "blanke Hohn" sei. "Ich bin stolz auf dieses Land." "Dann sagen Sie es doch mal", grummelt der Kanzler.

Endlich kommt etwas Leben in das auch noch in kühlem Blau ausgestattete Fernsehstudio. In Wirklichkeit ist das TV-Duell zwischen Kanzler Schröder und Herausforderin Merkel arm an echten Höhepunkten. Seit Tagen hatten Medien und Politik-Insider das 90-Minuten-Duell in den ehemaligen Studios in Berlin-Adlershof zum entscheidenden Gipfelpunkt des Wahlkampfs hochstilisiert. Rund 20 Millionen Zuschauer vor den "gleichgeschalteten" vier wichtigsten Fernsehanstalten - das gab es in Deutschland noch nie.

Kurz nach Schröders Attacke dreht Merkel den Spieß um: Schröder fleddert gerade an Merkels Finanzexperten Paul Kirchhof herum, der die gesetzliche Rentenversicherung weghaben wolle, da fällt Merkel plötzlich in den Ausfallschritt: "Ich finde, so darf man nicht sprechen." Schröder entfährt ein rotziges "Nee?". Nein, darf man nicht, ruft Merkel und führt mit der Hand eine Art Kantenschlag in Richtung des Kanzlers. Schröder erzeuge ein "Klima der sozialen Verunsicherung" und versetze "die Menschen in Angst und Schrecken". Schröder macht große, unschuldsvolle Kanzleraugen: "So?n Unsinn. Ich zitiere Herrn Kirchhof."

Auf den "Professor aus Heidelberg", wie Schröder ihn gern nennt, kommt die Diskussion immer wieder zurück. Von Kirchhof kursieren Äußerungen, die sich als Lobpreisung von Karriereverzicht und mütterlicher Aufopferung für Frauen lesen lassen - nicht eben ein Wahlrenner für die Union. Aber Merkel holt das Thema souverän vom Tisch, indem sie auf Kirchhofs vier Töchter verweist - alle berufstätig. Siehe: Der Mann ist gar nicht so.

Überhaupt die "Frauenfrage": Schlaue Kommentatoren hatten schon vor der Sendung gerätselt, wie sehr das Duell "Frau gegen Mann" den Abend beeinflussen würde. Der Kanzler spielt die Karte über seine Frau, "die ich liebe, weil sie lebt, was sie sagt, und sagt, was sie denkt".

Seite 1:

Kontrollierter Schlagabtausch

Seite 2:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%