Kanzler und Vizekanzler sind ausgeflogen
Berlins fünfte Jahreszeit

Es ist ruhig im siebten Stock des Kanzleramtes. Die Dienstwohnung des Kanzlers ist leer und verlassen. Denn Gerhard Schröder weilt für einige Tage in Hannover. Auch Vizekanzler Joschka Fischer ist kurz in Italien, die mittwöchliche Kabinettssitzung der rot-grünen Regierung gestrichen.

HB BERLIN. Natürlich sei dies kein wirklicher Urlaub, betonen Sprecher der beiden. Es werde viel telefoniert, gearbeitet und abgestimmt. Aber die Regierungsspitzen holen ein letztes Mal erkennbar und tief Luft vor der heißen Wahlkampfphase. In Berlin hält derweil Bundesinnenminister Otto Schily als ältester Minister formal die Stellung.

Wer jetzt durch das Regierungsviertel in Berlin streift, fühlt sich deshalb an die "fünfte Jahreszeit" erinnert, die Kurt Tucholsky einmal beschrieben hat. Damit meinte er jene Phase im Spätsommer, in dem die Natur einen kurzen Moment still zu stehen scheint, bevor dann der Verfall einsetzt.

So ähnlich ist die Atmosphäre in der deutschen Innenpolitik vor der Abwicklung der zweiten und wahrscheinlich letzten Legislaturperiode der rotgrünen Regierung. Die ersten Restaurants im Regierungsviertel haben sich bereits in die Sommerpause verabschiedet und geschlossen - und wie jedes Jahr wird angesichts mauer Umsätze gerätselt, wer im Herbst wieder aufmachen kann. Die meisten Bundestagsabgeordneten haben die Hauptstadt verlassen und sind in ihre Wahlkreise zurückgekehrt. Gerade viele Hinterbänkler der SPD stellen sich jetzt die Frage, wer überhaupt wiederkommen wird. Die Bundesagentur für Arbeit hat Fraktionsmitarbeitern bereits Beratung angeboten. Und statt schwarzer Limousinen der Bundestags-Fahrbereitschaft beherrschen längst die Touristen die Szenerie rund um den Reichstag.

Zudem herrscht eine unwirkliche Atmosphäre des Wartens: Formal gibt es noch eine Regierung, die aber nicht mehr regieren kann - und eigentlich auch nicht mehr darf. Schließlich hat Schröder den steinigen Weg zu Neuwahlen mit dem Argument eingeleitet, die rot-grüne Regierung sei nicht mehr gestaltungsfähig. Zudem haben die Parteien die Vorbereitungen für den Wahlkampf längst abgeschlossen, wenn auch die Entscheidung über Neuwahlen noch fehlt. Der Berliner Betrieb simuliert Politik, wartet aber in Wirklichkeit auf den Bundespräsidenten.

Denn dies die Woche des Horst Köhler. Alle Augen richten sich auf Schloss Bellevue, das derzeit von Bauzäunen umgeben ist. Fast täglich überschlagen sich die Medien mit Spekulationen zu der Frage: Wie wird sich der Bundespräsident in der Frage von Neuwahlen entscheiden? Sicher ist nur, dass Köhler seine Entscheidung "öffentlich" bekanntgeben wird, wie sein Sprecher betonte.

Und fast scheint es, als hätten Kanzler und Vizekanzler die Stadt in dieser Woche auch deshalb verlassen. Nicht nur, weil der Bundespräsident ihnen die Schau stehlen könnte. Dass Köhler nun ins Rampenlicht rückt, zeigt auch, dass die rot-grüne Regierung das Heft des Handelns aus der Hand gegeben hat. Diese Nachricht lässt sich in Hannover und in Italien einfach besser ertragen.

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