Kanzlerin Angela Merkel
Auf Normalmaß geschrumpft

Ob Uno-Vollversammlung oder Streit über den Post-Mindestlohn – außen- wie innenpolitisch lernt Bundeskanzlerin Angela Merkel die Mühen der Ebene kennen. In einem Punkt hat sich ihr Ausflug in das jährliche New Yorker Uno-Chaos für Merkel allerdings wirklich gelohnt.

BERLIN/NEW YORK. Welch ein Kontrast: Vor wenigen Stunden erst ist Angela Merkel in New York zum „Welt-Staatsmann 2007“ gekürt worden. Jetzt sitzt sie im Kanzleramt und muss die wesentlich unattraktivere Rolle als „Koalitionswächterin“ spielen. Statt um globale Fragen geht es um den Postsektor, genauer gesagt einen Mindestlohn für diesen Bereich. Das klingt banal. Doch ihr Gegenüber, Deutsche-Post-Chef Klaus Zumwinkel, sieht nicht so aus, als wolle er das Leben der Kanzlerin einfacher machen. Frischgebackene Super-Staatsfrau hin oder her: Der ausgehandelte Tarifvertrag mit der Gewerkschaft Verdi soll bleiben.

Dabei braucht Merkel dringend eine Lösung, um die Betriebstemperatur in der Großen Koalition nicht in bedrohliche Höhen schnellen zu lassen. Am Mindestlohn hängen Emotionen, hängt viel Ideologie, sowohl in der Union wie der SPD. Schon wird angesichts der jüngsten schwarz-roten Spannungen nach der „Richtlinienkompetenz“ der Kanzlerin gerufen – von der Union, wenn es um die Durchsetzung von Unionsstandpunkten geht, von der SPD, wenn es gegen CDU-Minister wie Wolfgang Schäuble und Franz Josef Jung geht. Dass die Statik einer Großen Koalition „Basta“-Entscheidungen verbietet, wissen dabei alle.

Deshalb war die Kanzlerin ganz froh, der Innenpolitik und dem gegenseitigen Scharmützel der Fußtruppen zumindest für zwei Tage entgehen zu können. Geschadet hat es ihr auch früher nicht, wenn sie sich im Streitfall einfach in eine fast präsidiale Rolle gerettet hat. Aber diesmal bekommt Merkel auch am Uno-Sitz in New York in ungewohnter Deutlichkeit zu spüren, dass für sie nach zwei Jahren des Regierens in der Innen- und Außenpolitik die Mühen der Ebene begonnen haben. Denn für ihren ersten Auftritt in der Uno-Generalversammlung muss sie sich als Kanzlerin in der Rednerliste brav hinter den vielen Präsidenten einreihen, die nach dem Reglement der Vereinten Nationen zuerst sprechen dürfen. Nur mit viel Zureden konnte sie überhaupt noch den allerletzten Rede-Slot am prestigeträchtigen ersten Tag der Generaldebatte ergattern.

Der Preis dafür ist allerdings der nur äußerst spärlich besetzte Saal der Uno-Vollversammlung, als Merkel kurz nach 19.30 Uhr endlich ihre Jungfernrede startet. An den Tischen der US-Delegation und Frankreichs lümmeln einsame Diplomaten, die verdonnert wurden, die Stellung zu halten. Viele Delegationen sind ganz abwesend. Nur Merkels italienischer Kollege Romano Prodi hört netterweise zu, weil er direkt vor ihr geredet hat. Wer ansonsten etwas auf sich hält, ist um diese Zeit beim Empfang von US-Präsident George W. Bush.

Draußen auf der First Avenue vor dem Uno-Gebäude hat der Übertragungswagen des amerikanischen Fernsehsenders ABC jedenfalls längst die Antenne eingeklappt. Die Highlights des ersten Uno-Debattentages sind längst abgefilmt, die Stars heißen US-Präsident Bush, Irans Präsident Mahmud Ahmadinedschad und Frankreichs hyperaktiver Präsident Nicolas Sarkozy. Der ließ sich nicht nur beim Joggen in einem T-Shirt der New Yorker Polizei ablichten, sondern diktierte US-Journalisten gleich noch den bemerkenswerten Satz in den Block „Wer soll denn in Europa führen, wenn nicht Frankreich?“ Wer im riesigen politischen Schmelzkessel der Uno-Vollversammlung auffallen will, muss aggressiv sein. Merkel, eben noch Weltenlenkerin und Klimaschutz-Missionarin, schrumpft sichtlich auf das Normalmaß deutscher Kanzler.

Für die CDU-Chefin ist dies eine ungewohnte Rolle. Denn seit ihrem Amtsantritt vor zwei Jahren ist sie eigentlich bei jeder Auslandsreise als „Chouchou“ der internationalen Politik hofiert worden. Frau, Ostdeutsche, mutig im Plädoyer für Menschenrechte – das hat neugierig gemacht. Während der deutschen Doppelpräsidentschaft von EU und G8 konnte die Kanzlerin selbst Treffen inszenieren und sich als Politstar inmitten der politischen „lame ducks“ in den Partnerländern in Szene setzen. „Mächtigste Frau der Welt“ – kleiner fiel gerade in den USA das Lob selten aus. Selbst der politische Gegner in Deutschland findet, dass sie eine gute Figur macht.

Seite 1:

Auf Normalmaß geschrumpft

Seite 2:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%