Kanzlerin beim Plausch
„Im Übrigen trete ich als Merkel an“

Vor der Bundespressekonferenz wirbt Angela Merkel für eine Koalition mit der FDP. Warum die Kanzlerin schwarz-gelb trotz knapper Mehrheit für ein stabiles Bündnis hält, von Rücktrittsgedanken nichts wissen will und so manchen Rat beim Supermarkt-Einkauf lieber nicht bekommen würde.

BERLIN. Ob sie sich als Koch in einer Regierung mit der FDP sieht, will eine Journalistin wissen. Da stutzt Angela Merkel und faltet dann die Hände auf dem Pult. „Wenn Sie die Berufsbezeichnung meinen, dann sehe ich mich als Koch und nicht als Kellner“, sagt sie nach kurzem Nachdenken und hat, wegen der Anspielung auf den hessischen Ministerpräsidenten, die Lacher auf ihrer Seite. „Im Übrigen trete ich aber als Merkel an.“ Wieder ein paar Lacher, die schweren Fragen, nach Steuern und der CSU, nach Finanzmarktregulierung und der neoliberalen Politik der FDP sind da schon durch, und so langsam geraten Merkel und die Hauptstadtpresse ins Flachsen.

Im weißen Blazer sitzt die Kanzlerin vor der blau getünchten Wand im Saal der Bundespressekonferenz (BPK), ihren Regierungssprecher zur Rechten, die Moderatorin zur Linken. Viel Zeit hat sie mitgebracht, neunzig Minuten, mehr als zwanzig Fragen kann sie beantworten. Die Frau, die „als Merkel“ antritt, will erläutern, was das für die Menschen in den nächsten vier Jahren bedeutet.

Oft genug ist die BPK ein Ort, in der stellvertretende Sprecher weniger wichtiger Ministerien ihre Verlautbarungen vor leeren Reihen loszuwerden versuchen, heute ist der Saal bis auf den letzten Platz besetzt. Es ist nicht oft, dass die Kanzlerin hierher kommt, es ist Merkels Wahlkampfauftritt vor den Hauptstadtjournalisten, auch wenn das ganze anfangs als Briefing zum bevorstehenden G20-Gipfel in Pittsburgh angekündigt war. Da das aber erst nach dem aus Sicht der Union verpatzten TV-Duell geschah, sieht es jetzt so aus, als wollte Merkel diese Scharte auswetzen. Sollte das ihr Ziel gewesen sein, so ist es, um es gleich vorweg zu sagen, einigermaßen gelungen.

Merkel macht nicht lange rum. „Lassen Sie mich gehen von der Finanzkrise zu den Folgen, die nach der Wahl auf eine neue Regierung warten“, leitet sie nach wenigen Minuten über. Natürlich liegt ihr ein Erfolg des G20-Gipfels am Herzen, aber hier geht es um Innenpolitik, um den Wahltag am 27. September und Merkel will wenige, klare Botschaften loswerden. Deutlicher als zuvor macht sie klar, dass stabile Verhältnisse nur in einer Koalition mit der FDP zu erreichen sind. Die inhaltliche Begründung dafür bleibt sie jedoch weitgehend schuldig. Steuern senken, Bürokratieabbau, Investitionen in Bildung und Forschung - diese Dinge gehen halt besser mit der FDP, so Merkel. Nur: an Ersteres glaubt keiner wirklich, das andere reißt niemanden vom Hocker. In der Krise, und das ist Merkels wirkliches Argument ist die Stabilität einer Regierung ein Wert an sich.

Etwas überrascht reagiert sie auf Fragen nach Rücktrittsgedanken („dieser Fall wird nicht eintreten“), sollte es für Schwarz-Gelb nicht reichen und die Frage nach ihrem Vermächtnis, sollte dies der letzte Auftritt vor der Bundespressekonferenz sein. Merkel drückt diese Dinge weg, sie verweist auf jüngste Umfragen, die Mut machten, so sieht es jedenfalls die Kanzlerin. Sie sehen die Union unverändert bei 35, die FDP bei 14 Prozent, das würde reichen, für eine hauchdünne Mehrheit der Mandate, vor allem, wenn die Union, wie erwartet, noch Überhangmandate dazu bekommt, „keine Mandate zweiter Klasse“, wie Merkel sich zu versichern beeilt. Nervös wirkt sie nicht. Merkel weiß, es könnte reichen, wenn auch knapp.

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