Kanzlerin unter Druck
Angela Merkel: Große Frau ganz klein

Je länger die Wirtschaftskrise anhält, desto mehr entgleitet der Kanzlerin die Führung. Nicht nur CSU-Chef Horst Seehofer macht, was er gerade will. Intrigen innerhalb der Union sind quasi an der Tagesordnung. Ein Report.

BERLIN. Zumindest der äußere Rahmen stimmt immer noch, wenn sich Vertreter von Union und Wirtschaft treffen. Unter den funkelnden Kronleuchtern im ehemaligen Reichspräsidentenpalais hat Michael Fuchs Anfang dieser Woche zu einem eleganten Empfang geladen, um seinen 60. zu feiern. Fuchs ist Vorsitzender des Parlamentskreises Mittelstand in der Union und einer der Widersacher von Angela Merkel.

Natürlich hat der schlitzohrige Unternehmer auch die Kanzlerin eingeladen – die Regierungschefin ist immer noch der begehrteste Gast auf jeder Hauptstadtparty. Politische Differenzen spielen da keine Rolle. Und tatsächlich schaut Angela Merkel trotz Zeitnot mit ihrer unprätentiösen Pünktlichkeit vorbei, um dem forschen Parteifreund zu gratulieren.

Unter der illustren Gästeschar finden sich nicht nur Spitzenpolitiker, sondern auch große Namen der deutschen Wirtschaft: Commerzbank-Chef Martin Blessing, Bankenverbandspräsident Klaus-Peter Müller, RWE-CEO Jürgen Großmann, Deutsche-Bank-Vorstand Jürgen Fitschen.

„Der Wirtschaftssachverstand der Union wird offenbar doch noch geschätzt, wenn ich mir die Gästeschar hier anschaue“, schmunzelt die Kanzlerin. Dann referiert sie kurz die Anstrengungen von CDU und CSU zugunsten der Unternehmen und verweist, als sie in so manche gerunzelte Stirn blickt, entschuldigend auf die SPD – wegen der man „einige Schwachstellen etwa in der Unternehmensteuerreform leider nicht verbessern kann“.

Fuchs bedankt sich artig bei der Kanzlerin und erinnert an das erste Tête-à-tête mit der damals noch jungen Umweltministerin Merkel. Es ging um das heiß umstrittene Dosenpfand. In dem einen oder anderen Gesicht setzt sich ein Grinsen fest. Dosenpfand – was waren das für Zeiten!

Heute gilt es, den Zusammenbruch des Weltfinanzsystems abzuwenden. Die Milliarde ist die kleinste Recheneinheit der deutschen Politik geworden, in den USA wird inzwischen mit Billionen jongliert. Wie soll man als Regierungschefin in solchen Zeiten den Überblick behalten?

Selbst die Banken und Wirtschaftswissenschaftler wissen nicht mehr weiter. „Alle sprechen von der Nebelwand“, hat Merkel einmal im Kreis ihrer Berater geklagt. Doch trotz Nebel fordere jeder von ihr, „mit vollem Tempo hindurchzufahren“. Absurd, findet das die gelernte Physikerin. Jede Vorsicht, jede Nachdenklichkeit werde ihr als Zögerlichkeit ausgelegt, jeder Kompromiss als Verrat an der wirtschaftspolitischen Modernisierung der CDU.

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