Kanzlerkandidatur
Ein Kapitän geht über Bord

Wenn SPD-Chef Kurt Beck die seit Wochen wachsenden Zweifel an seiner Eignung zum Kanzlerkandidaten entkräften wollte, ist ihm das bei der traditionellen „Spargelfahrt“ des regierungsnahen SPD-Flügels, der Seeheimer, gründlich misslungen. Das wurde selbst den gutwilligsten Parteifreund überdeutlich.

BERLIN. Die „MS La Paloma“ mit 580 Passagieren an Bord ist schon gut zwei Stunden ziellos über den Wannsee geschippert, als der Riesendampfer endlich die Glienicker Brücke ansteuert. Während des Kalten Krieges wurden hier Agenten ausgetauscht. Doch heute Abend wartet am Steg kein Geringerer als Kurt Beck. Bei der traditionellen „Spargelfahrt“ des regierungsnahen SPD-Flügels, der Seeheimer, wird der eigens eingeflogene Parteichef als Ehrengast erwartet.

Die Umstände für das Genossen-Treffen sind nicht ideal: Ein Regenguss hat das Sonnendeck unter Wasser gesetzt, und so müssen Minister und Abgeordnete in den Bauch des Schiffes hinabsteigen. Zwar bleibt ihnen die Verbannung in den Maschinenraum erspart, die Generalsekretär Hubertus Heil koalitionsintern gerne beklagt. Doch die Enge des Zwischendecks heizt die Erwartungen an den Höhepunkt des Abends an.

„Der Spargel war exzellent“, ergreift Beck das Wort, nachdem er die anwesende Polit-Prominenz nebst Beelitzer Spargelkönigin ausführlich begrüßt hat: „Ich freue mich über eine schöne Einladung, eine gute Begegnung.“ Ein bisschen mag sich der Pfälzer fühlen wie auf einem Weinfest seiner Heimat, was sich jedoch als folgenreicher Irrtum erweist. Zwar gleicht die Spargelfahrt äußerlich einer Vereinsfeier. Tatsächlich hat sie aber mehr von einem Politischen Aschermittwoch, bei dem die eigenen Mitglieder traditionell gelobt, der Koalitionspartner mit mehr oder weniger feinen Spitzen bedacht und eine identitätsstiftende Orientierung vermittelt wird.

Doch Kapitän Beck steuert ohne Kompass. Er legt bei den Bremer Bürgerschaftswahlen ab, für die er wenig überraschend ein „gutes Ergebnis“ prophezeit, sucht Halt bei der „Kraft der Solidarität“ in der Partei und landet schließlich auf der Seite derer, „die vorbeugen wollen, um nicht Konflikte herbeizuführen“. Vom Mindestlohn springt er zum Irakkrieg. Für die Leistungsträger will er sich einsetzen, aber auch für die Chancenlosen in der Gesellschaft. Irgendwie schmeckt das alles eher wie Eintopf als wie knackiges Stangengemüse. Im Saal wird unhöflich laut dazwischengeredet und lustlos leise applaudiert.

Längst kann man durch die Fenster das dunkle Ufer nicht mehr erkennen, und Beck treibt immer weiter aufs Meer der Allgemeinplätze hinaus. Viele Sätze finden kein Ende. Die übrigen sträuben sich gegen eine Niederschrift im Notizblock. „Das Wollen, gemeinsam für die Ziele der Sozialdemokratie einzustehen, verfestigt sich“, sagt er, und: „Die Menschlichkeit muss über allem stehen.“ Die SPD wolle „in der Koalition das erreichen, was für die Menschen erreichbar ist“. Da verdreht auch mancher hartgesottene Funktionär die Augen.

Ganz zum Ende der Rede gewährt Beck den Zuhörern in einem ebenso schiefen wie defensiven Sprachbild unfreiwilligen Einblick in sein Seelenleben. „Alle, die meinen, dass man uns wie einen Spargel irgendwann köpfen könnte, die irren!“, ruft er trotzig-verletzt ins Mikrofon. „Ich würde die Rede nicht verheerend nennen“, beschwichtigt eilig ein parteinaher Spindoctor im Zwiegespräch. Doch eines ist klar: Wenn Beck die seit Wochen wachsenden Zweifel an seiner Eignung zum Kanzlerkandidaten entkräften wollte, ist ihm das gründlich misslungen.

Das wird selbst den Gutwilligsten wenige Minuten später überdeutlich, als Vizekanzler Franz Müntefering das Wort ergreift. Fast wirkt es zu Beginn, als lege sich der Ex-Parteichef selber Zügel an, um den Kontrast zu seinem Nachfolger zu minimieren. Staatsmännisch redet er über Europa, den Klimawandel und den Hunger in der Welt. Doch dann bricht es aus Müntefering heraus. Mit fester, lauter und fordernder Stimme wirft er sich der Verzagtheit vieler Genossen entgegen. Nicht nach Umfragen dürfe die SPD ihre Politik ausrichten, fordert der Sauerländer: „Glaubt ihr, die Ost-Politik von Willy Brandt war damals populär? Wenn man weiß, dass es eine richtige Politik gibt, darf man nicht weglaufen, sondern muss dafür kämpfen, dass diese Politik populär wird.“ Jeder versteht die Andeutungen auf die umstrittene Rente mit 67 und die Unternehmensteuerreform.

Mucksmäuschenstill ist es an Bord, als der ansonsten so regierungsloyale Müntefering der Union eine „große Bereitschaft zur Beliebigkeit“ vorwirft: „Die sind weit hinter der Agenda 2010 zurück!“ Am Ende werde die sozialdemokratische Arbeit Früchte tragen, gibt sich Müntefering überzeugt: „Lasst uns die Nerven behalten!“ Da brandet tosender Beifall auf, und manch ein Zuhörer munkelt von einer „Bewerbungsrede“ des alten Polit-Strategen.

Das wird eilig dementiert. Wahr aber ist, dass vor allem Beck gute Nerven braucht. Als die „MS La Paloma“ vor Mitternacht am Ufer anlegt, werden gerade die ersten Exemplare der „Bild“-Zeitung ausgeliefert. „Steinmeier nächster SPD-Kanzler-Kandidat?“, fragt das Massenblatt in fetten Buchstaben.

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