Kapitalismusdebatte
US-Volkswirte schütteln Kopf über SPD

Nicht nur die deutsche Wirtschaft macht mobil gegen die Kapitalismuskritik der SPD. Auch jenseits des Atlantiks reagieren die Unternehmer mit Unverständnis. Die Debatte schade letzlich nur dem Ansehen Deutschlands, warnen amerikanische Ökonomen. Zahlreiche US-Firmen planten bereits eine Verlagerung ihrer Aktivitäten in andere europäische Staaten.

HB WASHINGTON. „Jedes Mal, wenn soziale Verantwortung von Firmen an Stelle vom Staat eingefordert wird, gehen Jobs verloren“, sagt Adam Posen, Deutschlandexperte am Institute for International Economics in Washington. Die von der SPD losgetretene Debatte verstärke tief sitzende Vorurteile in den USA. „Amerikanische Geschäftsleute, die gegenüber europäischen Volkswirtschaften ohnehin misstrauisch sind, haben bislang die in Deutschland angeschobenen Reformen kaum zur Kenntnis genommen“, sagt Posen, „die neueste Diskussion sehen einige US-Unternehmer zweifellos als willkommene Ausrede an, in anderen Ländern zu investieren.“

Die amerikanischen Direktinvestitionen in Deutschland sind 2004 deutlich zurückgegangen. Die Konkurrenz aus Osteuropa scheint in diesem Zusammenhang eine zunehmende Rolle zu spielen. Nach einer kürzlich vorgestellten Studie der Amerikanischen Handelskammer in Deutschland und der Unternehmensberatung Boston Consulting Group planen allein 2005 fast 20 Prozent der hier zu Lande aktiven US-Unternehmen eine Verlagerung einzelner Geschäftstätigkeiten in andere europäische Staaten. Das gelte in erster Linie für die Produktion.

Als Hauptgründe für diese Entwicklung geben die US-Investoren nicht nur die im europäischen Vergleich höheren Lohnkosten an, sondern vor allem die mangelnde Flexibilität des Arbeitsmarktes in Deutschland. Der Reformprozess geht den Amerikanern zu langsam.

Gary Litman von der US-Handelskammer in Washington hofft, dass es sich bei den SPD-Vorwürfen nur um „politische Rhetorik“ handelt. „Ähnliche Klagen über eine zu hohe Profitgier von Firmen habe ich bislang nur aus Entwicklungsländern – etwa in Lateinamerika – vernommen“, unterstreicht Litman. Die US-Handelskammer vertritt rund drei Millionen Unternehmen und ist damit der größte Wirtschaftsverband Amerikas. Nach Ansicht von Litman besteht die höchste soziale Verantwortung von Betrieben in der Zahlung von Steuern. „Man kann Moral nicht per Gesetz aufzwingen.“

Auch der National Foreign Trade Council, ein einflussreicher Wirtschaftsverband mit Sitz in Washington, weist die SPD-Forderungen zurück. „Was nutzt soziale Verantwortung, wenn die Wettbewerbsfähigkeit von Firmen dadurch sinkt?“ meint William Reinsch, Präsident des NFTC. Hohe Profite steigerten die Position am Markt. „Nach dem Zweiten Weltkrieg haben europäische Unternehmen die Sozialleistungen Schritt für Schritt nach oben gefahren: Jetzt haben sie wegen der hohen Lohnnebenkosten Wachstumsprobleme, und die Arbeitslosigkeit nimmt zu.“ Reinsch weist darauf hin, dass sich US-Firmen in seinem Verband zunehmend über „Überregulierungen in Europa“ beschweren. „Die strengen Vorschriften bei Sicherheit, Umwelt und Gesundheit wirken auf Amerikaner abschreckend.“ Es sei zu befürchten, dass die von der SPD angestoßene Debatte bei US-Managern als „generelle Verschlechterung des Geschäftsklimas in Deutschland“ ankomme.

Am Cato Institute, einer wirtschaftsliberalen Denkfabrik in Washington, wird die Kapitalismus-Schelte in Deutschland rundweg abgebügelt. „Wenn Unternehmen Stellen reduzieren, werden sie produktiver und erzielen mehr Wachstum“, sagt Chris Edwards, Steuerexperte bei Cato. „Das erhöht die Leistung der Volkswirtschaft.“ Negative Schlagzeilen über Investitionsbedingungen in Deutschland könnten dazu führen, dass sich US-Firmen künftig verstärkt in anderen Ländern engagierten, warnt Edwards.

Michael Backfisch
Michael Backfisch
Handelsblatt / Korrespondent
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