„Kapitalismuskongress“ in Berlin
DGB: Neue Träume von einer alten Zeit

Die Wirtschaftskrise inspiriert den DGB zu neuer Klassenkampf-Rethorik. Angesichts der globalen Rezession will er eine Grundsatzdebatte führen - über Geld, Freiheit und Gerechtigkeit. Eine Rückkehr zu alten, linken Leitbildern?

BERLIN. Mit der deutschen Gewerkschaftsbewegung und der Sozialen Marktwirtschaft ist das so eine Sache. Während andere im vergangenen Frühsommer Ludwig Erhard als Urheber einer bereits 60 Jahre andauernden Erfolgsgeschichte feierten, blickte der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) - jedenfalls programmatisch - auf nicht einmal zwölf Jahre friedlicher Koexistenz mit den herrschenden Verhältnissen zurück: Die Überwindung der kapitalistischen Wirtschaftsform, "die Ausweitung des öffentlichen Besitzes an wirtschaftlichen Unternehmen und seine Weiterentwicklung zu einem System öffentlicher und öffentlich gebundener Unternehmen" - sie waren bis 1996 zentrale Ziele im Grundsatzprogramm des DGB.

Knapp ein Jahr nach dem offiziellen Jubiläumstag der Sozialen Marktwirtschaft sind solche Worte, die vermeintlich einer ganz anderen Epoche entstammen, wieder öfter zu hören. Was nach dem Zusammenbruch des Realsozialismus nur noch anachronistisch wirkte, klingt nach dem Zusammenbruch der Finanzmärkte in immer mehr Ohren modern. "Was jetzt kommen muss, ist mehr als ,soziale Marktwirtschaft?", verkündete etwa Hans-Jürgen Urban, Vorstandsmitglied und linker Vordenker der IG Metall, in seiner Rede zum 1. Mai. Und, wenige Sätze später: "Jawohl, ich rede auch von Enteignung und Vergesellschaftung." Es schlage die "Stunde der offensiven Politik".

Zwar sind Theorie und Praxis für die DGB-Gewerkschaften seit jeher zwei paar Stiefel. Ihre konkrete Tarif- und Betriebspolitik passte schon vor der großen Grundsatzprogramm-Reform von 1996 weitaus besser zur Sozialen Marktwirtschaft als die formelle Beschlusslage. Trotzdem liegt im Frühjahr 2009 wieder ein Hauch von Zeitenwende in der Luft, auch wenn über Richtung und Tragweite noch diskutiert werden muss - zum Beispiel auf einem großen "Kapitalismuskongress" in Berlin.

"Wir sind Zeugen eines Epochenbruchs", proklamiert DGB-Chef Michael Sommer in seiner Einladung zu dem Ereignis, bei dem sich heute und morgen mehr als 500 Gewerkschafter und Intellektuelle über neue Gesellschaftsentwürfe für eine Welt jenseits des "Kasinokapitalismus" austauschen wollen. Unter dem Gesamtmotto "Umdenken - Gegenlenken" diskutieren insgesamt zehn Foren über Themen wie "Verantwortung statt Gier", "Investition statt Spekulation" oder "Politik statt Markt". Und als demonstrativer Höhepunkt folgt am Samstag eine von DGB-Chef Sommer zusammen mit weiteren Spitzengewerkschaftern angeführte Großkundgebung für einen "europäischen Sozialpakt".

Seite 1:

DGB: Neue Träume von einer alten Zeit

Seite 2:

Seite 3:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%