Karstadt-Eigner unter Beschuss
Grüne werfen Berggruen Zynismus vor

Dass der Karstadt-Eigentümer Nicolas Berggruen scharfe Attacken gegen die Gewerkschaft Verdi fährt, geht der Politik entschieden zu weit. Die Grünen giften zurück. Und auch Ministerin von der Leyen bekommt ihr Fett ab.
  • 11

BerlinDie heftige Kritik von Karstadt- Eigentümer Nicolas Berggruen an der Gewerkschaft Verdi sorgt für Empörung in der Politik. „Es ist zynisch von Herrn Berggruen, wenn er jetzt die Gewerkschaft für sein eigenes Fehlverhalten und Missmanagement im Karstadt-Konzern kritisiert“, sagte die Vize-Vorsitzende der Grünen-Bundestagsfraktion, Kerstin Andreae, Handelsblatt Online. „Fakt ist, dass er seine eigenen Versprechen bisher nicht eingehalten hat: Keine notwendigen Investitionen, kein nachhaltiger Sanierungsplan, stattdessen jetzt der Ausstieg aus der Tarifbindung.“ Das sei „unsozial und kurzsichtig“.

Die einzigen, die bisher für die Rettung des Konzerns bezahlt hätten, seien die Beschäftigen gewesen, indem sie auf Urlaubs- und Weihnachtsgeld verzichtet haben, sagte Andreae weiter. „Jetzt sollen sie ein weiteres Mal auf Gehalt verzichten.“

Im Streit um höhere Löhne für die Mitarbeiter der kriselnden Warenhauskette rechnete Berggruen am Dienstag mit der Gewerkschaft Verdi ab: "Die Verdi-Funktionäre kämpfen gerade bei Karstadt nur um ihre eigene Macht als Gewerkschaft auf Kosten der Belegschaft", sagte der Milliardär der "Bild"-Zeitung. Berggruen verteidigte zugleich den Ausstieg aus der Tarifbindung: "Wir nehmen niemanden etwas weg." Die Gewerkschaft warf dagegen dem Karstadt-Management Fehler vor, für die die Belegschaft nun nicht in Haftung genommen werden dürfe. Die Gewerkschaft sei zu Aktionen bei Karstadt bereit und habe Berggruen ihre Position bereits "sehr deutlich" gemacht, sagte ein Sprecher weiter. Gesamtbetriebsratschef Hellmut Patzelt sprach sich dafür aus, Probleme im Dialog mit Berggruen zu lösen. Dieser habe Karstadt noch längst nicht abgeschrieben.

Karstadt mit seinen rund 20.000 Arbeitsplätzen sei "ein Unternehmen, das sich mitten in der Sanierung befindet", betonte Berggruen vor einem Besuch in der Essener Konzernzentrale. Trotzdem seien die Gehälter nach dem Auslaufen des Sanierungstarifvertrags wie versprochen angehoben worden. "Jetzt sagen wir, die Gehälter sollen zwei Jahre nicht steigen", fügte er gegenüber der "Bild"-Zeitung hinzu. Karstadt steige aus der Tarifbindung aus, bekräftigte Berggruen. Das Vorgehen der Gewerkschaft sei aus seiner Sicht "nicht in Ordnung".

Verdi habe nach der Übernahme des Konzerns Berggruens Sanierungsschritte begleitet, Berggruen selbst habe zudem die Rückkehr zum Flächentarifvertrag zugesagt, betonte dagegen der Gewerkschaftssprecher. Verdi habe keinen Ausstieg verkündet. Wenn der unter Umsatzrückgängen leidende Konzern vom Management ausgerufene Ziele nicht erreiche, hänge dies "nicht an den Beschäftigten", betonte der Sprecher. Vielmehr sei das Sortiment umgestellt worden, auch müsse gefragt werden, wie die Modernisierung der Warenhäuser vorankomme und wie es um Investitionen in Marketing stehe. Auch habe das Management bei Karstadt es versäumt, die Kompetenzen der Mitarbeiter stärker zu nutzen. Es sei "absurd", die Beschäftigten und die Gewerkschaft dafür verantwortlich zu machen, dass der Konzern in der öffentlichen Diskussion stehe.

Seite 1:

Grüne werfen Berggruen Zynismus vor

Seite 2:

Berggruen: Habe Probleme bei Karstadt unterschätzt

Kommentare zu " Karstadt-Eigner unter Beschuss: Grüne werfen Berggruen Zynismus vor"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • ganz tolle "Kommentare" hier
    Berggruen hat das gekauft und hat bisher sein Versprechen in das Unternehmen zu investieren, nicht eingehalten, so einfach ist das. Er muss sein Versprechen einhalten und endlich Karstadt aus den roten Zahlen zu holen, falls er das wirklich kann. Er sagte auch selbst, das Unternehmen wurde min 20 Jahre komplett herunterwirtschaftet und alle so-gennanten Manager wussten nur eins: die eigene Tasche voll machen, egal wie.
    Die grosse Frage ist: kann man Karstadt noch retten? Ich persönlich fürchte: NEIN

  • Jenseits all der Sprachklitterungen, die uns da von den faktisch gleichgeschalteten und offenbar von der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft, Köln formierten Massenmedien, inkl. des sogen. öffentlich-rechtlichen Sektors, tagtäglich dargeboten werden, stehen wir vor einer Realität, die nur noch als "Endlösung der Humankapitalkostenfrage" tituliert werden kann.

    Dass diese "Endlösung" ein höchst gefährliche Wortwahl ist, die im Kontext mit dem Eigentümer des Karstadtkonzerns sogar als "Tabubruch" und "nazistisch" abqualifiziert werden kann, ändert doch so gar nichts an den Fakten.

    Dass die Neue Soziale Marktwirtschaft faktisch eine staatskapitalistische Schutzstruktur für die heute massgebliche Finanzspekulations- und Anlagenbetrugswirtschaft ist, die auf eine reale Existenzbedrohung immer größerer Bevölkerungsgruppen hinaus läuft, kann kaum mehr bestritten werden.

    Diesem neuen Nazismus aber muss der Name gegeben werden, der dessen Wesen, Funktionen, Prozesse und Interessenziele klar und deutlich beschreibt.

    Sonst wären wir ja tatsächlisch schon in der neuen Geldwirtschaftsdiktatur, von der die Experten der Citigroup Corp., N.Y. schon seit 2005 unter den Begriffen "Plutonomy", "Plutocracy", "Plutonomics" und "Plutocrats" so erfolgreich Propaganda bei den einschlägig bekannten Klientel- und Lobbygruppeninteressenvertretungsparlamentariern diesseits und jenseits des Atlantik machen.

  • War doch alles voraus zu sehen, wenn man es der Politik und den Gewerkschaften überläßt...
    Der Markt muß so etwas regeln, dann wäre heute KARSTADT und KAUFHOF zusammen.
    Die Mitarbeier hätten leider dann auch gelitten, aber hätten es hinter sich und nicht ein Ende mi Schrecken vor sich.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%