0 Bewertungen
01.04.2008 
Studie

Kassenpatienten müssen lange warten

Laut einer aktuellen Untersuchung werden Kassenpatienten bei der Terminvergabe in Arztpraxen benachteiligt: Privatpatienten kommen dreimal schneller dran.

Deutsche Fachärzte werden für ihre Terminvergabe kritisiert. Foto: dpaLupe

Deutsche Fachärzte werden für ihre Terminvergabe kritisiert. Foto: dpa

HB KÖLN/BERLIN. Eine Studie über drastisch längere Wartezeiten von Kassenpatienten hat die Debatte über eine Bevorzugung von Privatpatienten angeheizt. Bis zu dreimal so lange müssen gesetzlich Versicherte auf einen Termin bei bestimmten Fachärzten warten, ergab eine Studie der Universität Köln. Die Bundesärztekammer räumte am Dienstag ein, viele Ärzte versuchten gegen Ende eines Quartals aus Abrechnungsgründen nicht akut nötige Behandlungen auf das nächste Vierteljahr zu verlegen. Der SPD-Politiker Karl Lauterbach, in dessen Uni-Institut die Studie entstanden war, warnte vor medizinischen Risiken durch Wartezeiten. Ärztekammer und Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) wiesen dies zurück.

Den Nachweis der verlängerten Wartezeiten hatten Telefonanfragen bei 189 Praxen im Raum Köln-Bonn-Leverkusen ergeben, die Mitarbeiter des Kölner Uni-Instituts für Gesundheitsökonomie als Tester durchführten. Besonders gravierend seien Unterschiede bei Magenspiegelungen, sagte der kommissarische Institutsleiter Markus Lüngen der dpa und bestätigte damit einen Bericht des „Kölner Stadt- Anzeiger“. So mussten Kassenpatienten im Schnitt 36,7 Tage auf eine Spiegelung warten, Privatpatienten nur 11,9 Tage.

„Beschwerden, die eine Magenspiegelung notwendig machen, können auf Blutungen oder eine Krebserkrankung zurückgehen“, sagte Lauterbach der Zeitung. „Es handelt sich also um Untersuchungen, bei denen Verzögerungen keine Kavaliersdelikte sind.“ Lauterbach ist als Direktor des Instituts wegen seines Bundestagsmandats beurlaubt. Im Sender N24 warnte der Politiker vor einer Zwei-Klassen-Medizin, weil viele Spezialisten bald gar keine Kassenpatienten mehr nähmen. Jörg-Dietrich Hoppe, Präsident der Bundesärztekammer, sagte dagegen: „Zu den Wartezeiten für gesetzlich Versicherte kommt es, weil oftmals die vorgegebenen Budgets vor Ende des Quartals ausgeschöpft sind.“ Viele Ärzte behandelten Patienten in den letzten Tagen und Wochen des Quartals kostenlos oder versuchten, nicht akut notwendige Behandlungen zu verlegen.

Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) hatte bereits vor einiger Zeit die Einstellung der Behandlung von Kassenpatienten gegen Ende einer Abrechnungsperiode als widerrechtlich kritisiert. Eine Sprecherin des Gesundheitsministeriums berichtete, einige Kassen bemühten sich im Fall von Verzögerungen bereits selbst telefonisch um baldige Termine für ihre Versicherten. Aus Ministeriumssicht wird der geplante Gesundheitsfonds die Anreize für die Kassen für solch kundenfreundliche Angebote steigern.

Hoppe und der KBV-Vorsitzende Andreas Köhler wiesen die Kritik Lauterbachs zurück: „Die Kollegen vergeben Termine unter medizinischem Gesichtspunkt, unabhängig davon, ob der Patient privat oder gesetzlich krankenversichert ist.“ Köhler betonte, sie seien nicht verpflichtet, jeden Patienten so schnell wie möglich dranzunehmen. Viele Ärzte bräuchten aber Zusatzeinnahmen aus der privaten Krankenversicherung. Der Direktor des Verbandes der privaten Krankenversicherung, Volker Leienbach, sagte, die wahrnehmbaren Unterschiede im Service zwischen privaten und gesetzlichen Kassen seien in der Budgetierung der gesetzlichen Versicherung begründet.
Artikel bewerten:
  • 1 Stern
  • 2 Sterne
  • 3 Sterne
  • 4 Sterne
  • 5 Sterne
Anzeige

Weitere Beiträge aus dem Ressort

Anzeige

weiterBildergalerien

 

zurück vor
  • Steinmeiers Freunde und F...

    Steinmeiers Freunde und Feinde

    Alles läuft auf ihn zu: Frank-Walter Steinmeier könnte die SPD bei der Wahl 2009 anführen. Doch nicht alle führenden Genossen sind ihm wohl gesonnen. Wie jeder Politiker hat auch Steinmeier parteiinterne Gegner und Unterstützer. Seine Freunde und Feinde im Überblick. Bildergalerie 

  • „Datendieben den Garaus m...

    „Datendieben den Garaus machen“

    Auf einem Gipfeltreffen, das heute in Berlin stattfindet, suchen die Bundesregierung und Verbraucherverbände Wege, den illegalen Handel mit Kundendaten einzudämmen. Unternehmen fürchten das Verbot und warnen vor zu viel Regulierung. Einen Kompromiss zu finden könnte sc...Bildergalerie 

  • McCain begeistert die Rep...

    McCain begeistert die Republikaner

    Hurrikan Gustav und eine Schwangerschaft wirbelten den Parteitag der Republikaner durcheinander. Doch Vizekandidatin Palin begeisterte trotz des Familien-Skandals. Das Parteitreffen rundete dann John McCain mit einer umjubelten Rede ab.Bildergalerie 

  • Krönung und Konfetti

    Krönung und Konfetti

    Der Parteitag der Demokraten ist im vollen Gang. Die Show in Denver soll Begeisterung und Siegesgewissheit vermitteln. Es geht darum, die Herzen der Amerikaner zu gewinnen. Bildergalerie 

 

Handelsblatt Experten + Meinungen

Handelsblatt-Kommentar

Mac bleibt Mac - aber reicht das?  Artikel in Merkliste

05.09.2008 von Georg Watzlawek

John McCain ist sich bei seiner Abschlussrede auf dem Parteitag der Republikaner treu geblieben. Auf direkte Angriffe auf seinen Konkurrenten Barack Obama verzichtet er. Allerdings auch auf jeden konkreten Verweis, wie er seine Lebenserfahrung zum Wohle der Amerikaner im Inneren einsetzen will. Kommentar