0 Bewertungen
27.02.2006 
Erpressungsvorwurf

Kassenrezept-Boykott sorgt für Welle der Empörung

Der Vorschlag von Vertretern der Ärztevereinigung Virchow-Bund, künftig keine Kassenrezepte mehr auszustellen, empört Politik und Patientenvertreter. Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach spricht vom „blanken Horror“.

 Ein per Rezept verordnetes Medikament: Das neue Arzneimittelsparpaket hat neue Protestaktionen der Ärzte hervorgerufen. Foto: apLupe

Ein per Rezept verordnetes Medikament: Das neue Arzneimittelsparpaket hat neue Protestaktionen der Ärzte hervorgerufen. Foto: ap

HB PASSAU. „Ein Arzt, der seine eigenen Patienten erpresst, kann kein guter Arzt sein", sagte der SPD-Bundestagsabgeordnete der „Passauer Neuen Presse“. Zu der Protestaktion gegen das ab 1. April geltende Arzneimittelspargesetz hatte zuvor der Landesverband Westfalen-Lippe des Verbandes der niedergelassenen Ärzte aufgerufen. Demnach sollen künftig keine Kassenrezepte mehr ausgestellt werden und so die Patienten alle Medikamente bezahlen.

Lauterbach sagte, bei dem kritisierten Gesetzesvorhaben handle es sich nicht um ein Arzneimittel-Sparpaket, „sondern um ein Anti-Verschwendungspaket“. Derzeit würden häufig besonders teure Präparate verschrieben. „Das ist ein krankes System.“ Mit dem neuen Gesetz werde der einzelne Arzt dazu angehalten, die Verschreibung von Medikamenten teurer Firmen zu unterlassen.

Nach dem jüngst verabschiedeten Arzneimittelsparpaket droht Ärzten ein Honorarabschlag, wenn sie zu teure Medikamente verordnen. Auf der anderen Seite gibt es für Mediziner, die am Patienten sparen, einen Bonus. "Durch das Sparpaket können wir ab April vielen Menschen nicht mehr das verschreiben, was medizinisch sinnvoll wäre", begründete der Arzt Ernst-Rüdiger Osterhoff, einer der Initiatoren der Aktion, gegenüber der "Bild am Sonntag" den Vorstoß.

Zuvor hatte schon Gesundheitsministerin Ulla Schmidt empört auf die Idee zum Rezept-Boykott reagiert. Statistiken zeigten, dass etwa in Bayern und Schleswig-Holstein die Medikamente wirtschaftlich verschrieben würden, ohne dass dies zu Lasten der Patienten-Versorgung gehe, hieß es aus ihrem Ministerium. Wer seine Verantwortung als Arzt nicht übernehmen wolle, könne ja seine Zulassung zurückgeben, fügte eine Sprecherin hinzu. Die Kassenärztlichen Vereinigungen und die Krankenkassen würden die Vorgänge genau beobachteten und im Zweifelsfall Sanktionen ergreifen.

Auch Patientenvertreter zeigten sich entsetzt: Der Präsident des Sozialverbandes VdK, Walter Hirrlinger, sagte, zwar sei das geplante Sparpaket besonders für chronisch Kranke schlimm, "doch die Ärzte können jetzt nicht die Patienten dafür bestrafen, dass die Politiker Fehler gemacht haben".

Artikel bewerten:
  • 1 Stern
  • 2 Sterne
  • 3 Sterne
  • 4 Sterne
  • 5 Sterne
Anzeige

Weitere Beiträge aus dem Ressort

Anzeige

weiterBildergalerien

zurück
  • Obamas Kabinett nimmt Gestalt an

    Obamas Kabinett nimmt Gestalt an

    Die Milliardärin Penny Pritzker aus Chicago soll nach US-Medienberichten Wirtschaftsministerin in der Regierung des designierten Präsidenten Barack Obama werden. Mit dieser Personalie nimmt die Regierungsmannschaft zwei Wochen nach der US-Wahl allmählich Gestalt an.Bildergalerie 

  • Was auf dem Weltfinanzgipfel beschlos...

    Was auf dem Weltfinanzgipfel beschlossen wurde

    Auf dem Weltfinanzgipfel in Washington wollten die wichtigsten Industrie- und Schwellenländer (G20) einen Fahrplan für eine neue Weltfinanzordnung vereinbaren, die eine Finanzkrise, die die ganze Welt in die Rezession treibt, in Zukunft verhindern soll. Was beschlossen...Bildergalerie 

  • Was führende Köpfe vom Finanzgipfel e...

    Was führende Köpfe vom Finanzgipfel erwarten

    Nichts Geringeres als eine neue Weltfinanzordnung wollen die 20 Staats- und Regierungschefs der größten Wirtschaftsmächte am Wochenende in Washington aus der Taufe heben. Was Politiker, Konzernchefs, Ökonomen und andere führende Köpfe aus der Finanzwelt vom Weltfinanzg...Bildergalerie 

vor

 

 

Handelsblatt Experten + Meinungen

Handelsblatt-Kommentar

Kein Ausweg aus der Finanzkrise in Sicht  Artikel in Merkliste

21.11.2008 von Hermann-Josef Knipper

Der letzte Tag der „Euro Finance Week“ in Frankfurt hat das ganze Drama der Macht- und Ratlosigkeit der Finanzbranche deutlich gemacht. Nach der harschen Kritik von Bundespräsident Horst Köhler, der nicht weniger als ein neues Weltfinanzsystem gefordert und viele Schuldige benannt hatte, mühten sich Banker, Ökonomen und Notenbanker um Auswege aus der Krise. Kommentar

Handelsblatt-Kommentar

Deutscher Bauernstaat  Artikel in Merkliste

21.11.2008 von Helmut Hauschild

Die Bundesregierung tut sich mit ihrer Agrarpolitik als Industriestaat keinen Gefallen. Kommentar