Keimzelle der Proteste
Das Wendland vergisst nie

Die Menschen im Wendland demonstrieren seit Jahren gegen Atomkraft, quer durch alle politischen Lager und gesellschaftlichen Schichten. Den Einstieg in den Ausstieg trauen sie auch Schwarz-Gelb zu.
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Im Wendland gehen sie schon seit Jahrzehnten gegen die Atomkraft auf die Straße, machen mit ihren Traktoren Straßen dicht und besetzen Bahngleise. Quer durch alle politischen Lager und gesellschaftliche Schichten sind die Atomkraftgegner aus dem Landkreis Lüchow-Dannenberg in Niedersachsen dafür mal bejubelt, dann wieder skeptisch beäugt, heftig kritisiert oder gar als alternative Spinner, als bäuerliche Romantiker bezeichnet worden - gerne auch alles auf einmal.

Dann kam die Atomkatastrophe im japanischen Fukushima und binnen weniger Tage werden sieben Atomkraftwerke und der Pannen-Reaktor Krümmel in Deutschland vorübergehend abgeschaltet - und auf der manchmal einsamen Seite der Atomkraftgegner aus dem Wendland wird es plötzlich richtig eng, finden sich weite Teile des liberal-konservativen Establishments wieder.

Als Hans-Werner Zachow die Nachricht vom schwarz-gelben Atom-Moratorium hörte, konnte es der 56 Jahre alte Landwirt kaum glauben. “Im ersten Moment habe ich gedacht, ich habe mich verhört. Das kann nicht wahr sein.” Seit 35 Jahren kämpft Zachow in der Initiative der Bäuerlichen Notgemeinschaft gegen Kernkraft, Castor-Transporte und ein mögliches atomares Endlager in Gorleben an. Und wann immer sich ein Stahlbehälter mit radioaktiven Atommüll aus einer Wiederaufbereitungsanlage per Zug und Lastwagen begleitet von Hundertschaften der Polizei auf den Weg macht, fahren ihnen Zachow und seine Kollegen mit ihren Traktoren entgegen. Jahr für Jahr. Ihr Motto: “Niemals aufgeben.” Schließlich sah es jahrelang, selbst nach dem Super-GAU von Tschernobyl, so aus, als ob in Deutschland so schnell kein AKW abgeschaltet wird.

Und ob Isar 1, Biblis A, das AKW Unterweser oder der Siedewasserreaktor in Brunsbüttel auch nach dem Moratorium und der Ethikkommission von Bundeskanzlerin Angela Merkel tatsächlich nicht mehr ans Netz kommen, daran hatten die Atomkraftgegner im Wendland schon vor den angeblichen Äußerungen von Wirtschaftsminister Rainer Brüderle ihre Zweifel. Politiker im Allgemeinen und ihre Atompolitik im Besonderen stoßen im Wendland prinzipiell eher auf eine gesunde Portion Skepsis. “Wir haben schon so viele Atomversprechen gehört”, sagt Zachow.

Schon vor dem Brüderle-Protokoll des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI) vermuteten viele im Wendland von Anfang hinter dem Abschalten der Kraftwerke vor allem einen Wahlkampftrick. “Die Politiker mussten einfach angesichts der Landtageswahlen in Baden-Württemberg etwas tun”, sagt Zachow nüchtern und in seiner Stimme schwingt da kein bisschen Wut oder Enttäuschung mit. Warum sollte man auch über einen Wirtschaftsminister der FDP verwundert sein, der vor Unternehmern den Atomausstieg als Kokolores bezeichnet haben soll? Da ist die Stimmungslage im Wendland ganz rational.

“Mich verwundern die Aussagen Brüderles nicht”, sagt denn auch Kerstin Rudek. “Es geht um Stimmen und um die Macht.” Aber ob Schwarz-Gelb nun in Baden-Württemberg die Stellung hält oder nicht, die Vorsitzende der Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow-Dannenberg ahnt nach 26 Jahren Widerstand gegen Atomkraft, dass “Wahlen allein auch nichts ändern.” Das haben die Menschen im Wendland unter SPD-Bundeskanzler Gerhard Schröder gelernt. Unter dessen rot-grüner Bundesregierung sei kein einziges Atomkraftwerk abgeschaltet worden, so Rudek. Dass dies nun ausgerechnet unter einer konservativen Kanzlerin geschehe, entbehre da nicht einer gewissen Komik. Und dann fällt ein Satz, der aus dem Mund einer BI-Vorsitzenden vor allem die Grünen eigentlich ins Mark treffen müsste: “So leicht wie wir einen Ausstieg unter Rot-Grün hätten haben können, können wir ihn auch mit Schwarz-Gelb bekommen.”

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