Kein anderes Bundesland betreibt so viel Grundlagenforschung
NRW - Mekka für Stammzellforscher

Wenn es um Stammzellforschung geht, ist Nordrhein-Westfalen eine der besten Adressen in Deutschland. Was sich gut als wirtschaftliche Erfolgsgeschichte von der rot-grünen Koalition kurz vor der Landtagswahl verkaufen ließe, hat aber einen Haken: Kein anderes Thema löst so schnell emotionale Debatten aus, ruft die Frage nach der ethischen Vertretbarkeit auf den Plan.

DÜSSELDORF/BERLIN. Dabei hört sich alles so schlüssig an, wenn es Frank Edenhofer, 37-jähriger Molekularbiologe am Institut für Neurobiologie in Bonn, erklärt. Sein Chef ist der bekannte Stammzellforscher Oliver Brüstle. "Mäuse sind Menschen sehr ähnlich", sagt Edenhofer und fügt hinzu: "auf genetischer Ebene". Die Forscher wollen verstehen, wie sich der kleinste Baustein eines Organismus, die Zelle, beeinflussen lässt. Die Experimente werden an embryonalen Maus-Stammzellen durchgeführt, um die Ergebnisse auf menschliche Stammzellen zu übertragen. Es gehe um die Heilung von Krankheiten wie Krebs, Parkinson, Demenz, sagt Edenhofer.

Alle Parteien sind sich einig: Stammzellforschung ist eine der Schlüsselbereiche in der Gentechnik, um sich im internationalen Konkurrenzkampf zu behaupten. In keinem anderen Bundesland wird an so vielen Standorten Grundlagenforschung betrieben: Insgesamt gibt es zehn Einrichtungen mit 35 Instituten und Kliniken. Das bundesweit einmalige "Kompetenznetzwerk Stammzellforschung" hat seit seiner Gründung 2002 ein allerdings eher bescheidenes Budget von einer Million Euro.

Wer auch immer die Wahl am 22. Mai gewinnt: Insgesamt sollen die Ausgaben für Forschung deutlich steigen. Am offensivsten setzen sich bei der Stammzellforschung SPD und FDP ein, während CDU und Grüne dem distanzierter gegenüberstehen. Dort zumindest sind politische Bündnislinien durchbrochen. Bisher beträgt der Anteil für Forschungsausgaben am Bruttoinlandsprodukt rund 1,8 Prozent.

Ministerpräsident Peer Steinbrück (SPD) will ihn auf drei Prozent bis 2010 erhöhen. Die CDU hält dies für eine Luftbuchung und will stärker aus der Wirtschaft Mittel mobilisieren. Die FDP plädiert für einen Innovationsfonds, der sich ebenfalls hauptsächlich aus privaten Geldern speist. Bisher investiert die NRW-Wirtschaft jedoch unterdurchschnittlich in die Forschung.

Der international renommierte Wissenschaftler Hans Schöler, neu berufener Leiter des Max-Planck-Instituts für molekulare Biomedizin in Münster, spricht von NRW als einem "Mekka für Stammzellforscher in Deutschland". Das Klima sei "sehr günstig", sagte Schöler dem Handelsblatt. Hier seien eine "starke Motivation" und "Aufbruchstimmung" vorhanden. Deshalb war er bereit, von Pennsylvania überzusiedeln, wenngleich in den USA Genwissenschaftler einen besseren Ruf besäßen.

Ethisch dreht sich alles um die Frage, ob Stammzellen aus Embryonen entnommen werden dürfen. Für viele Politiker und Bürger genießt ein Embryo im frühesten Stadium Menschenwürde, für die meisten Wissenschaftler ist er ein biologischer Zellhaufen. Der Bundestag hat sich angesichts dieses Deutungsdilemmas 2002 für einen Kompromiss entschieden: In Deutschland darf nur mit bestehenden Stammzelllinien gearbeitet werden. Der Nationale Ethikrat empfahl, zumindest vorerst auch das therapeutische Klonen weiter zu verbieten. Dabei werden dem geklonten Embryo Stammzellen entnommen, um damit das körpereigene Gewebe herzustellen.

In der Öffentlichkeit löst die rote Gentechnik (Medizin) eher Unbehagen aus. Der frühere Ministerpräsident Wolfgang Clement (SPD) hatte sich vehement für eine weitgehende Stammzellforschung ausgesprochen und den Wissenschaftler Brüstle gefördert. Dieser beklagte jüngst ein "sehr verkrampftes Verhältnis" zur Wissenschaft in Deutschland. "Es fehlt der Pioniergeist", sagte Brüstle. Er warnt davor, dass Staaten wie Schweden oder Großbritannien ihren Vorsprung ausbauen, auch weil sie an neuen Stammzelllinien arbeiteten. Sein Kollege Schöler sieht auf politischer Ebene bei den Grünen eine "Abneigung" gegen gentechnische Fortschritte, die zuweilen "fundamentalistisch" anmute.

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