Kein „Basta-Mensch"
Platzeck auf dem Zwischendeck

SPD-Chef Matthias Platzeck will die große Koalition stützen und die eigene Partei zusammenhalten. Dabei stößt er immer häufiger an seine Grenzen. Jetzt will er durch eine Auslandsreise sein Profil schärfen.

LONDON. Nein. Das ist für ihn kein Vorbild für die Arbeitswelt des 21. Jahrhunderts. 600 junge Männer und Frauen starren im Handelsraum der Deutschen Bank in der Londoner City auf ihre Computerbildschirme. Während die Krawattenträger in Sekundenschnelle per Mausklick unvorstellbare Summen um den Globus jagen, wieseln zwischen ihnen eifrige Schuhputzer aus Bangladesch herum. Extreme Flexibilität und große Mobilität sind die obersten Gebote auch für die gut bezahlten Händler, in deren Welt es keinen Kündigungsschutz gibt. „Heute in London, morgen in Delhi, übermorgen in New York: Wer gründet da noch eine Familie?“ fragt Matthias Platzeck skeptisch. Als wenig später einige Banker auf eine weitere Lockerung des deutschen Arbeitsmarktes dringen, redet sich der SPD-Chef richtig in Rage. „Man kann es mit dem Götzendienst der Flexibilisierung auch übertreiben“, wettert Platzeck.

So energisch zeigt sich der sonst so freundliche Politiker selten. Während sich die Koalition in Berlin über die Rente mit 67 streitet und sich an der Föderalismusreform abarbeitet, ist der 52-Jährige Ende vergangener Woche für zwei Tage nach London geflogen. Offiziell will er sich bei Premierminister Tony Blair vorstellen. Doch es steckt deutlich mehr hinter der Reise: Platzeck, dem die eigene Partei immer lauter und häufiger mangelnde Sichtbarkeit vorwirft, will sein Profil schärfen. Nicht zufällig hat er dafür eine Auslandsreise gewählt. Kanzlerin Angela Merkel kommt doch gerade dabei immer so gut weg. Einige Unionspolitiker, hat Platzeck kürzlich moniert, hätten es sich auf dem Sonnendeck der Koalition bequem gemacht, während die Sozialdemokraten im Maschinenraum schwitzten. Nun will der SPD-Chef auch ein paar Sonnenstrahlen genießen.

Zunächst war die vom Willy-Brandt-Haus angekündigte „außenpolitische Offensive“ Platzecks eher vom Pech verfolgt. Ein erster Besuch beim schwedischen Regierungschef Göran Persson auf dessen entlegenem Landsitz ging für die Medien buchstäblich im Schneegestöber unter. Ein Treffen mit EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso, bei dem die umstrittene EU-Dienstleistungsrichtlinie Thema sein sollte, musste der SPD-Chef wegen der Trauerfeier für Ex-Bundespräsident Johannes Rau absagen. Bis die beiden einen neuen Termin finden, hat sich das Thema wahrscheinlich längst erledigt.

Das Treffen mit Blair aber wird nur durch eine Sicherheitskontrolle vor der berühmten Tür in Downing Street verzögert, der sich auch Platzeck unterziehen muss. Dann bittet der Premier den Besucher zum fast einstündigen Meinungsaustausch in seine Privatwohnung. Eine besondere Geste des Labour-Führers, dessen Verhältnis zum früheren SPD-Chef Gerhard Schröder seit dem Irak-Krieg ziemlich erkaltet war? Oder eine pragmatische Lösung, da der Babysitter der Blairs an diesem Abend nicht verfügbar ist? Egal. Jedenfalls findet der überzeugte Familienpolitiker Platzeck „schnell einen guten Draht“ zu seinem Gastgeber bei einem gemütlichen Gespräch im Wohnzimmer. Auf dem Boden liegt Spielzeug verstreut.

Ergebnisse freilich hat das Treffen nicht hervorgebracht. Irans Politik unter seinem Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad, die Innen- und Bildungspolitik in Europa, die Reform der Sozialsysteme – im Gespräch hasten Platzeck und Blair von einem Thema zum nächsten, nur unterbrochen, wenn die Dolmetscherin ihren Einsatz hat. Es sei „interessant, freundschaftlich und sehr direkt“ gewesen, sagt Platzeck danach. An den gegensätzlichen Positionen bei Themen wie Dienstleistungsrichtlinie und der Privatisierung öffentlicher Infrastruktur halten die Politiker aber weiterhin fest.

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