Kein Rezept gegen Mitgliederschwund
Machtkampf in der IG Metall überdeckt tiefe Krise

Einfache Mitglieder der IG Metall befällt in diesen Tagen blankes Entsetzen. Eine solche öffentliche Schlacht der Führungsspitze hat es in der Geschichte der traditionsreichen Gewerkschaft noch nicht gegeben. Der erbitterte Kampf um die Macht zwischen dem scheidenden IG-Metall-Chef Klaus Zwickel und seinem designierten Nachfolger Jürgen Peters verdeckt aber auch eine tiefer liegende Krise.

Reuters FRANKFURT/HANNOVER. Betriebsräte, mit den Umwälzungen in ihren Unternehmen bestens vertraut, räumen ein, dass die IG Metall gerade bei jüngeren Beschäftigten längst nicht mehr auf ungeteilte Sympathie stößt. Die zu Ende gehende Ära Zwickel von einem beispiellosen Mitgliederverlust gekennzeichnet.

Mit etwa 2,6 Millionen Mitgliedern ist die IG Metall zwar noch immer die weltweit größte Industriegewerkschaft. Statistisch gesehen zählt sie im Vergleich zu 1995 aber bereits zehn Prozent weniger Mitglieder. Allerdings stießen in den vergangenen Jahren mit den Gewerkschaften „Textil und Bekleidung“ sowie „Holz und Kunststoff“ 315.000 Mitglieder hinzu. Bezieht man diese ein, hat IG Metall seit 1995 ein Viertel ihrer Mitglieder verloren.

Kein Rezept gegen Mitgliederschwund

Auch eine aufwändige Image- und Mitgliederkampagne, für die rund 35 Millionen Euro bereitgestellt wurden, hat den Schwund nicht gestoppt. In Ostdeutschland blieb der Organisationsgrad sehr gering. Dort sind rund die Hälfte der Mitglieder Arbeitslose und Rentner. Eine neue Austrittswelle sei nach dem gescheiterten Streik um die Einführung der 35-Stunden-Woche bisher nicht festzustellen, sagt eine IG-Metall-Sprecherin. Doch der Rückhalt für den Streik war im Osten von vornherein begrenzt. Noch während des Arbeitskampfes kündigten Mitarbeiter im Dresdner Werk des Autozulieferers Federal Mogul an, aus der Gewerkschaft austreten zu wollen. Rund 90 Prozent der 300 Beschäftigten waren trotz Streikaufruf an die Arbeit gegangen.

Auch in anderen Unternehmen übernachteten Arbeiter im Werk. Der letzte IG-Metall-Gewerkschaftstag 1999 erklärte bereits den schwindenden Rückhalt der IG Metall zur zentralen Aufgabe: „Rückläufige Mitgliederzahlen und sinkender Organisationsgrad gefährden die Handlungsfähigkeit der Organisation, obwohl Leistungen und Politik der IG Metall anerkannt sind.“

Mittlerweile kommt der IG Metall auch die damals noch gerühmte Anerkennung abhanden. Die Gewerkschaft, die sich als Speerspitze gegen Sozialabbau und Lohndumping sieht, hat sich vor dem Streik im Osten bereits im Kampf gegen die rot-grüne Agenda 2010 verkalkuliert. Gerade 90 000 Menschen brachten IG Metall und andere Gewerkschaften am bundesweiten Aktionstag im Mai gegen die Einschnitte ins Sozialsystem auf die Straße.

Zwei feindliche Lager behindern sich

Die zwei Strömungen, die sich in der Ära Zwickel zu zwei Lagern verfestigt haben und jetzt bekämpfen, behindern sich zunehmend. Gegenüber stehen sich so genannte Modernisierer um den Bezirkschef aus Baden-Württemberg und Zwickel-Favoriten Berthold Huber und so genannte Traditionalisten um den aus Niedersachsen stammenden Peters, der mit seiner Kampfkandidatur um den Vizeposten 1998 in die seit 1972 ununterbrochen bestehende südwestdeutsche Phalanx einbrach.

Strömungsübergreifende Rezepte für einen Weg aus der Krise haben aber weder Huber noch Peters vorgelegt. Für den nächsten Gewerkschaftstag im Oktober, der nach bisheriger Planung nicht nur eine neue Führung wählen soll, liegen etliche Entschließungen über wichtige Zukunftsfragen vor. Doch in Kernfragen steht die Klärung noch bevor, etwa zur künftigen Tarifpolitik. Sollen beispielsweise künftig die Löhne und Gehälter an persönliche Leistungen und Unternehmensertrag gekoppelt werden? Huber ist eher dafür, Peters eher dagegen.

Bei den Arbeitgebern wird die aktuelle Handlungsunfähigkeit der IG Metall bei aller Genugtuung über den Sieg im Osten mit gewisser Sorge gesehen. Gesamtmetall-Präsident Martin Kannegiesser fordert eine schnelle Klärung der Personalfragen. „Wir können uns keine Hängepartie leisten“, sagte er in einem Interview. Die gesamte Metall- und Elektroindustrie steht vor Veränderungen. Besonders die Öffnung der osteuropäischen Märkte bedeutet nicht nur neue Absatzmärkte. Kostengünstige Produktionsstandorte setzen Arbeitnehmer und Gewerkschaft im Westen unter Druck.

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