Keine Stromknappheit
Atomausstieg im Schnellverfahren

Baumängel in Biblis und Brunsbüttel, Feuerkrise in Krümmel: Von den 17 aktiven Atomreaktoren in Deutschland stehen derzeit sechs still, drei weitere produzieren rechnerisch nur für den Export. Während die Atomwirtschaft noch um Restlaufzeiten feilscht, gehen immer mehr Nuklearmeiler wegen Sicherheitspannen vom Netz.

HB FRANKFURT/MAIN. „Der deutsche Atomausstieg, der eigentlich bis 2023 vorgesehen war, ist zur Hälfte schon erledigt“, sagt der stellvertretende SPD-Fraktionschef und Energieexperte Ulrich Kelber. Von der befürchteten Stromknappheit sei bislang trotzdem nichts zu spüren.

„Es gibt so große Überkapazitäten, dass man an vielen Tagen einen ganz großen Teil der Atomkraftwerke abschalten könnte“, sagt auch der Nuklearexperte Christian Küppers vom Öko-Institut in Darmstadt. Allein im ersten Halbjahr 2007 exportierten die deutschen Energieversorger nach Angaben des Verbandes der Netzbetreiber (VDN) netto fast elf Mrd. Kilowattstunden Strom ins europäische Ausland. So knapp wie von der Atomwirtschaft stets behauptet könne der deutsche Strom also nicht sein, sagen Kritiker.

Dennoch schürten die Reaktorbetreiber bewusst Ängste vor einem Energiemangel, sagt Küppers. Offenbar mit Erfolg: „Ich denke, dass die breite Bevölkerung die Abhängigkeit von der Atomenergie in Deutschland überschätzt.“ Dabei sei eine wirkliche Knappheit wegen der Vernetzung der europäischen Stromversorgung jedoch praktisch ausgeschlossen, erklärt er.

Das Deutsche Atomforum warnt dagegen vor einem Abbau der Nuklearkapazitäten. Zwar gebe es im europäischen Verbund genügend Reserven, um kurzfristige Netzschwankungen auszugleichen, sagt Verbandssprecher Bernd Arts. Die regelmäßigen Wartungsausfälle der Reaktoren könnten jedoch nur mit ausreichenden Kapazitäten in den deutschen Anlagen ausgeglichen werden.

Auch der Verband der Netzbetreiber hält die bestehenden Reserven für unverzichtbar, um die Stabilität des Stromnetzes auch in wind- und sonnenschwachen Monaten zu garantieren. Zugleich warnt der VDN davor, fehlenden deutschen Atomstrom künftig mit fossiler Energie aus europäischen Nachbarstaaten zu ersetzen. „CO2-Emmissionen aus Polen, Tschechien oder Frankreich sind für uns genauso schädlich wie unsere eigenen“, sagt ein Sprecher. Auch aus Kreisen der Reaktor-Sicherheitskommission (RSK) des Bundesumweltministeriums heißt es, die Decke bei der Stromversorgung sei in Deutschland mittlerweile ziemlich dünn.

Das Öko-Institut hält diese Einschätzung für übertrieben. „Mit zehn der 17 Atomkraftwerke in Deutschland sind wir immer noch gut bedient“, sagt Nuklearexperte Küppers. „Nach unseren Berechnungen könnte man auch bei Abschaltung aller Reaktoren in Deutschland genügend Strom aus anderen Energiequellen produzieren.“

Drei der insgesamt 20 Atomreaktoren, die nach Angaben des Verbands der Strom- und Energieerzeuger (VGB) noch 1990 am deutschen Netz hingen, haben ihre Betriebserlaubnis bereits ganz verloren. Die umstrittenen Meiler Biblis A und B stehen seit vergangenem Herbst wegen Baumängeln still, das Kraftwerk Brunsbüttel wurde nach einer Serie von Zwischenfällen und Baumängeln im Juli abgeschaltet. Der Atomreaktor in Krümmel ging nach einem Brand an einem Transformator im Juni vom Netz, und auch die Atomanlage in Unterweser wird nach Problemen am Notkühlsystem überprüft. Im Kernkraftwerk Gundremmingen steht nach Hinweisen auf ein defektes Brennelement ab kommender Woche ein Reaktor vorübergehend still.

„Die Atomkraft ist eine Säule, die auf Grund der Sicherheitsprobleme plötzlich wegbrechen kann. Darauf sollte man sich nicht verlassen“, sagt der Nuklearexperte Heinz Smital von der Umweltorganisation Greenpeace. Die aktuellen Ausfälle seien deshalb ein klares Signal: „Das Licht geht nicht aus. Die Atomkraft ist entbehrlich, und ein rascher Ausstieg ist möglich.“

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