Kellner wird Bauunternehmer
Amerikanischer Traum in Gevelsberg

„Amerikanischer Traum“ wird er genannt, der sagenhafte Aufstieg vom Tellerwäscher zum Millionär. Recep Keskin hat ihn gelebt, diesen Traum – allerdings nicht in den USA, sondern mitten in Deutschland.

GEVELSBERG. Und der Junge aus einem kleinen westanatolischen Dorf beginnt seinen Aufstieg zum erfolgreichen Bauunternehmer auch nicht in einer Hotelküche, sondern als Kellner am Bodensee. Doch kaum in seiner neuen Heimat angekommen, verinnerlicht Keskin ein Motto, das schließlich zum Geheimnis seines Erfolges werden sollte: „Als Türke muss ich dreimal so viel leisten wie ein Deutscher.“

Heute leitet der Unternehmer die Mark GmbH in Gevelsberg, einer kleinen Industriestadt am Rande des Ruhrgebiets. Sein Betonfertigteilwerk erwirtschaftete 2005 mit 43 Beschäftigten sieben Mill. Euro Umsatz. Dabei schien das Leben nicht viel für Keskin bereitzuhalten, als er im tiefsten Westanatolien geboren wurde. „Ob der 1. Januar 1949 wirklich mein Geburtstag ist, weiß niemand, vielleicht wurde ich schon im November 1948 oder erst im Februar 1949 geboren“, erzählt er. Das Dorf ohne Wasser und Strom ist zugeschneit, Hebammen gibt es nicht, die Dorfälteste hebt Recep ins Leben. Die Mutter ist Analphabetin, der Vater hat beim Militär ein wenig Lesen und Schreiben gelernt. Nach der Schneeschmelze reitet er auf dem Esel in die Kreisstadt, um die Geburt seines Sohnes zu melden. Per ordre de mufti legt der Beamte den 1. Januar als Geburtstag fest, wie auch bei zwei Geschwistern. „Wir lebten damals ohne Kalender“, sagt Keskin. „Fixpunkt der Woche war der Freitag, der muslimische Feiertag.“

Acht Kilometer muss der Junge Tag für Tag in die Grundschule laufen, doch der lange Fußmarsch lohnt sich: Der Lehrer erkennt die Begabung seines Schülers und sorgt für staatliche Förderung. Keskin besucht die Hotelschule in Ankara und gewinnt nach dem Abschluss ein zweijähriges Ausbildungsstipendium in Deutschland. Drei Nächte und vier Tage reist der 17-Jährige mit der Bahn nach München: Er ist in Deutschland, dem sagenhaften „Bruderland“, von dem die Alten im Dorf sprachen.

In einem Luxushotel am Bodensee erkennt der Direktor das Geschick seines jungen Mitarbeiters und überträgt ihm Verantwortung. Recep bedient Prominente aus Politik und Popkultur, die Bundeskanzler Kurt Kiesinger und Willy Brandt sowie den Schlagersänger Udo Jürgens. Der junge Türke sieht eine neue Welt: „Deutschland bietet auch Ausländern große Chancen, wie ich sie in der Türkei niemals erhalten hätte.“ Er hört vom zweiten Bildungsweg, holt in Abendkursen das Abitur nach und macht an der Fachhochschule Konstanz einen Diplom-Abschluss als Bauingenieur. Seinen Lebensunterhalt verdient er am Bau, als Taxifahrer, Kellner und Gerichtsdolmetscher.

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