Kernkraftwerk
RWE-Meiler in Bulgarien vor dem Aus

Entgegen des weltweit erwarteten Ausbaus der Atomkraft steht das vom deutschen Versorger RWE in Bulgarien geplante Kernkraftwerk Belene vor dem endgültigen Aus. Bulgarien werde weder Staatsgarantien für die zwei je 1 000 Megawatt großen Meiler zur Verfügung stellen noch den bisherigen Anteil von 51 Prozent finanzieren.
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BERLIN/DÜSSELDORF. Dies gab Wirtschaftsminister Traicho Traikow in Sofia bekannt. Die Regierung suche jetzt einen Käufer für den 51-Prozent-Anteil des staatlichen Stromversorgers Natsionalna Elektricheska Kompania EAD (NEK EAD) und werde höchstens 20 Prozent selbst behalten. Auch von RWE verlautete, dass man wegen der auf acht Mrd. Euro verdoppelten Kosten kaum noch von einer Realisierung des Projekts ausgehe.

Nun hängt alles an Russland: War man dort bisher nur bereit, einen 3,8 Mrd. Euro großen Kredit zum Bau der zwei Meiler durch den staatlichen Moskauer Kraftwerksentwickler Atomstrojexport zu gewähren, müsste der Kreml nun auch als Betreiber einsteigen und Belene-Anteile von NEK übernehmen. Dies aber ist unklar und zudem in Sofia politisch umstritten seit der Regierungsübernahme durch den nationalkonservativen Premier Bojko Borissow Ende Juli. Auch RWE, so hieß es in Unternehmenskreisen, scheint für einen russischen Kapitalpartner nicht offen zu sein. Atomstrojexport ist eine Tochterfirma des Nuklearmonopolisten Rosatom, mit dem Siemens eine enge Kooperation anstrebt.

Der Kurswechsel in Bulgarien in Sachen Atom erfolgt laut Experten aus zwei Gründen: Finanzminister Simeon Djankow nennt Belene „zu teuer in Zeiten massiver Haushaltslöcher“. Zudem hat Bulgarien noch das Atomkraftwerk Kosloduj am Netz und will sich – wie Litauen im Fall des Meilers in Ignalina – ein der EU beim Beitritt eigentlich zugesagtes Abschalten nun teuer abkaufen lassen oder aber die Laufzeiten verlängert bekommen.

Auch RWE verfolgt das Projekt nur noch halbherzig: Vertreter kommunaler Aktionäre und der Arbeitnehmerseite haben wiederholt Bedenken gegen das teure und imageschädliche Vorhaben geäußert. Immer wieder kam es im Gremium wegen Belene sogar zum Streit. Der Vorstand ist von der Kostenverdoppelung irritiert. Auf der Aufsichtsrats-Sitzung vor wenigen Tagen hat Firmenchef Jürgen Großmann deutlich gemacht, dass er nicht mehr mit einer Realisierung von Belene rechnet und nach einem eleganten Ausstieg sucht, wie es aus Unternehmenskreisen heißt. RWE werde den Ausstieg aber nicht aktiv forcieren, um die Bulgaren nicht zu brüskieren. Entsprechend versicherte Großmann beim Treffen mit Ministerpräsident Borissow vorigen Montag in Sofia, dass RWE weiter am Projekt mitarbeite.

Für Großmann wäre es inzwischen ebenfalls zu verschmerzen, sollte Belene scheitern – vor allem wenn Sofia selbst die Reißlinie zieht. Vor einem Jahr war das Engagement in Bulgarien noch ein zentraler Bestandteil der Strategie, den Anteil CO2-freier Kernenergie im europaweiten Energiemix des Konzerns trotz des Atomausstiegs in Deutschland hoch zu halten. So sollen die Belastungen aus dem Emissionshandel im Griff bleiben. Inzwischen hat sich die Lage aber geändert: RWE hat sich im Frühjahr in England lukrative Standorte gesichert und nach dem Wahlsieg von Union und FDP hofft der Konzern auf eine Revision des Atomausstiegs.

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