Killerspiele
„Ein Verbot könnte stimulieren“

Nach dem Amoklauf von Emsdetten wollen Politiker so genannte Killerspiele verbieten. Gewalt im Spiel führe zu Gewalttaten in der Wirklichkeit, lautet ihre die Begründung. Medien-Experten und Jugendforscher sehen das jedoch anders.

hac/HB DÜSSELDORF. Ein Computerspiel ist nicht allein die Ursache für Gewalt, erklärt der Bielefelder Jugendforscher Klaus Hurrelmann im Gespräch mit Handelsblatt.com. Sebastian B., der Amokläufer von Emsdetten, gehörte zu einer Risikogruppe. Nur wenn ein verhängnisvolles Umfeld sowie eine entsprechende Persönlichkeit beim Täter hinzu kämen, entstehe eine gefährliche Konstellation.

Immerhin könne aber durch das Verbot von Gewaltspielen ein Zeichen gesetzt werden, dass eine Kultur, in der sich Menschen spielerisch töten, nicht toleriert wird. Darüber sollte in aller Sachlichkeit diskutiert werden, sagt Hurrelmann. Dass ein Verbot die Nutzung von Gewaltspielen verhindern kann, glaubt der Jugendforscher allerdings nicht. Im Gegenteil: „Ein Verbot könnte besonders stimulieren, sich an die heiße Ware heran zu machen.“

„Die Aussichtslosigkeit, die der junge Mann gefühlt hat, ist nicht Spiele-induziert“, sagt auch der Medienpädagoge und Spieleforscher Winfred Kaminski, Professor an der Fachhochschule Köln. Die Gesellschaft und insbesondere das Schulsystem hätten zu wenige Hilfsmöglichkeiten für solche Außenseiter mit Zukunfts- und Versagensängsten. Wer spontan Spieleverbote fordere, wolle sich seiner Verantwortung entziehen.

Seit Jahren drehe sich die Wirkungsforschung aber im Kreis, sagt Jörg Müller- Lietzkow, Kommunikationswissenschaftler mit dem Schwerpunkt Medienökonomie und Spiele-Grundlagenforschung an der Universität Jena: „Langfristig konnte noch keine Steigerung der Aggressivität nachgewiesen werden.“

Allerdings sieht Jugendforscher Hurrelmann die Gefahr, dass Jugendlichen durch die intensive Nutzung von Computerspielen der Verlust von sozialen Konatkten droht: „Nicht allein der Inhalt, sondern die Dosis der Spiele führt dazu, dass jemand in der Kunstwelt verschwindet. Dadurch können viele nicht mehr zwischen der realen Welt und der Spielwelt unterscheiden."

Dass Kinder und Jugendliche oft zu viel spielen, bestreitet auch Kommunikationswissenschaftler Müller-Lietzkow nicht. „Allerdings ist das kein Wirkungs-, sondern ein Suchtproblem.“ Deshalb Killerspiele zu verbieten, sei die falsche Lösung. Vielmehr müsse der Umgang damit gelernt werden, sagt Medienpädagoge Kaminski. Dies habe schon immer und für jedes Medium gegolten: „Anfangs flüchteten die Leute noch aus dem Kino, wenn eine Lok auf sie zuraste.“

Dass das Zocken an Rechner und Konsole mit dem Schulerfolg im Konflikt steht, lässt sich nachweisen. „Je mehr gespielt wird und je brutaler das Spiel ist, desto schlechter sind die Noten“, stellte der Kriminologe Prof. Christian Pfeiffer fest. Sein Kriminologisches Forschungsinstitut Niedersachsen (KFN) in Hannover hatte bundesweit 6000 Viertklässler und 17 000 Neuntklässler befragt. Dabei stellte sich auch heraus, dass bereits jeder zweite Zehnjährige Erfahrung mit Spielen hat, die erst ab 16 freigegeben sind. „Die USK (Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle – Anm. d. Red.) muss reformiert werden, so dass viel mehr Spiele nur noch für Erwachsene freigeben sind“, fordert Pfeiffer deshalb.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%