Kinder und Alte
Experten fordern Neuordnung des Gesundheitswesens

Vor allem Kinder und Alte erhalten in Deutschland oft unnötige oder riskant viele Medikamente. Zudem hat rund ein Fünftel der jährlich geborenen 700 000 Kinder nur schlechte Chancen, ein gesundes Lebens zu führen. Das stellt der Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen in seinem neuen Gutachten fest.

BERLIN. Außerdem befürchten die sieben Wissenschaftler, die jährlich Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) Bericht erstatten, wachsende Versorgungsdefizite bei der hausärztlichen Versorgung. „Den Hausärzten geht der Nachwuchs aus,“ sagte der Vorsitzende des Rates, Eberhard Wille.

Während die Ursachen der Versorgungsdefizite bei den Alten unmittelbar im Gesundheitswesen zu suchen sind, resultieren die Gesundheitsprobleme der Kinder nach der Analyse der Gutachter vor allem aus der Lebenslage der Eltern. „Kinderarmut stellt den wichtigsten erklärenden Faktor für Gesundheits- und Entwicklungsdefizite dar.“ Um sie zu überwinden, müssen viele Politikbereiche zusammenwirken, insbesondere die Bildungs-, Familien-, Sozial- und Arbeitsmarktpolitik, sagte Wille.

So sehen die Gutachter immer noch Mängel bei der Verhütung von Gewalt gegen Kinder. Die bisherigen Früherkennungsuntersuchungen reichten nicht aus, um Kindesmisshandlung oder Vernachlässigung frühzeitig zu erkennen.

Hinzu kämen aber auch Therapiedefizite, etwa bei der Behandlung seltener Kinderkrankheiten und psychischer Probleme. So gebe es Anzeichen, dass die weit verbreitete Hyperaktivität von Kindern zu oft nur medikamentös behandelt werde – trotz erheblicher Nebenwirkungen.

Für die Behandlung der oft gleichzeitig an mehreren Krankheiten leidenden alten Patienten fehlten wissenschaftliche Leitlinien. Eine Folge sei, dass sie oft zu viele Medikamente erhalten. Bei rund zwei Fünftel der über 65-Jährigen sind es neun und mehr Wirkstoffe in Dauertherapie. Hier drohten Wechselwirkungen, die am Ende neue Krankheitssymptome hervorrufen könnten. Hier will der Rat durch spezielle Arzneimittellisten mehr Transparenz schaffen.

Um die unter Nachwuchsmangel leidende hausärztliche Versorgung zu sichern, regt der Rat neue Versorgungsmodelle für die fachärztliche Versorgung an. Zwischen den dafür zuständigen Facharztpraxen und Kliniken gebe es derzeit einen teuren, weil ineffizienten Wettbewerb. Um ihn zur überwinden, seien neue Formen der Kooperation und Honorarsysteme erforderlich, die statt bei der einzelnen Gesundheitsleistung am Behandlungserfolg ansetzen.

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