Kinderarmut: Kinderschutzbund zweifelt von der Leyens Zahlen an

Kinderarmut
Kinderschutzbund zweifelt von der Leyens Zahlen an

„Die Kinderarmut sinkt“ - behauptet zumindest Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen. Der Kinderschutzbund sieht das ganz anders. Der Rückgang sei stark überzeichnet, es sei wieder mit einem Anstieg zu rechnen.

BerlinFür Ursula von der Leyen ist es ein gutes Zeichen: „Die Kinderarmut sinkt“, sagt die Bundesarbeitsministerin - und freut sich an den Zahlen der Bundesagentur für Arbeit (BA) in Nürnberg. Die weisen eine deutlich gesunkene Zahl an Kindern im Hartz-IV-System aus. So bezogen im September 2006 noch 1,9 Millionen Kinder unter 15 Jahren Hartz-IV-Leistungen, genau fünf Jahre später waren es noch knapp 1,64 Millionen - ein Rückgang um etwa 257.000 oder 13,5 Prozent.

Was auf den ersten Blick so positiv wirkt, relativiert sich aber, wenn man die offizielle Arbeitslosenstatistik mit der Entwicklung bei den Langzeitarbeitslosen und den Hartz-IV-Kindern vergleicht. So ging die Zahl der Arbeitssuchenden in jenem Zeitraum immerhin um 34 Prozent zurück, also um gut ein Drittel. Bei den erwerbsfähigen Hartz-IV-Beziehern lässt sich aus den BA-Zahlen zwischen September 2006 und September 2011 nur ein Minus von knapp 16 Prozent herauslesen.

Dies zeigt: Der Rückgang bei den Hartz-IV-Beziehern fiel deutlich schwächer aus als jener bei der allgemeinen Arbeitslosigkeit. Der Rückgang bei den Hartz-IV-Kindern war - mit minus 13,5 - noch einmal schwächer. Die Sprösslinge kommen jedenfalls nur dann aus dem Hartz-System heraus, wenn dies auch die langzeitarbeitslosen Eltern schaffen. Hartz-IV-Bezieher gelten häufig aber als schwer vermittelbar.

Erst im nach der letzten Finanz- und Wirtschaftskrise 2008 einsetzenden Beschäftigungsboom fielen auch Jobs für sie ab. Wenn auch meist schlecht bezahlte. Für DGB-Vorstandsmitglied Annelie Buntenbach ist dies das eigentliche Problem: Zwar sei die Zahl der arbeitslosen Hartz-IV-Bezieher erfreulicherweise gesunken: Dafür gebe es aber inzwischen 45 Prozent mehr „arbeitende Arme“ als fünf Jahre zuvor, kritisiert sie. CDU-Politikerin von der Leyen kontert: „Arbeit ist für Eltern immer besser als Arbeitslosigkeit.“

Kinderschutzbund meldet Zweifel an

Mit besonderem Argwohn reagierte der Deutsche Kinderschutzbund auf die am Donnerstag bekannt gewordenen Erfolgszahlen. Er meldete massive Zweifel daran an. „Seit dem Jahr 2006 gibt es fast 750.000 Kinder unter 15 Jahren weniger in unserem Land. Wenn es also immer weniger Kinder gibt, so ist es keine Überraschung, dass in absoluten Zahlen betrachtet auch immer weniger Kinder von Sozialleistungen leben“, gab Kinderschutzbund-Präsident Heinz Hilgers zu bedenken.

Und er macht im gleichen Atemzug eine ganz andere Rechnung auf: Die Quote der Kinder, die von Hartz IV leben, sei zwischen September 2006 und September 2011 um lediglich 1,5 Prozentpunkte gesunken. Seien 2006 noch 16,6 Prozent der Kinder unter 15 Jahren hilfebedürftig gewesen, so seien es nach aktuellsten Erhebungen immerhin noch 15,1 Prozent. Der Kinderschutzbund hält deshalb die Berichterstattung über die angeblich so positive Entwicklung für irritierend, da sie den Rückgang der Kinderarmut stark überzeichne. Sollten die grundsätzlichen Probleme aus dem Niedriglohnsektor und dem „ungerechten Familienleistungsausgleich“ nicht gelöst werden, rechnet Hilgers mittelfristig wieder mit zunehmender Kinderarmut.

„Betrachtet man alle Kinder und Jugendliche aus Familien, die Arbeitslosengeld II, Sozialgeld, Sozialhilfe, Kinderzuschlag, Wohngeld oder Leistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz beziehen, so ist von über 2,4 Millionen Kindern in Armut auszugehen.“ Das entspricht übrigens ziemlich genau der Zahl bedürftiger Kinder, für die vor Jahresfrist das „Bildungs- und Teilhabepaket“ im Rahmen des Hartz-IV-Umbaus geschnürt wurde.

dpa 
dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH / Nachrichtenagentur
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