Kinderbetreuung
Bischofsschelte treibt Politiker auf die Palme

Es scheint, als sei in Deutschland eine Art Kulturkampf über die Frage entbrannt, ob die Betreuung von Kleinkindern in Krippen moralisch verwerflich ist. Der Augsburger Bischof Walter Mixa jedenfalls hat sich mit seinem flammenden Plädoyer gegen die Förderung solcher Angebote quer durch die politischen Lager in die Nesseln gesetzt.

HB BERLIN. Der Vorsitzende der CSU im bayerischen Landtag, Joachim Herrmann, erklärte, Mixa habe leider einiges falsch verstanden. Es sei unfair und falsch, berufstätigen Frauen die Sorge um ihre Kinder abzusprechen. Herrmann sprach von einer „Schwarz-Weiß-Malerei“.

Die kirchenpolitische Sprecherin der SPD-Bundestagsfraktion, Kerstin Griese, warf Mixa vor, seine Äußerungen seien frei von jeder Sachkenntnis. Die Wortwahl des Bischofs sei nicht hinnehmbar. SPD-Fraktionsvize Nicolette Kressl sagte: „Ich halte das für eine Ideologie der 60er Jahre.“

Der Geschäftsführer der Grünen im Bundestag, Volker Beck, wertete die Stellungnahme des katholischen Würdenträgers als Armutszeugnis. Sie seien ein Schlag ins Gesicht. Grünen-Chefin Claudia Roth warf dem Bischof vor, einen „Kreuzzug“ gegen ein besseres Betreuungsangebot zu führen. Er wisse zu wenig von der Lebensrealität der Menschen, „für die er eigentlich Glaubenshirte sein soll“, sagte Roth.

Bundeskanzlerin Angela Merkel bekräftigte, dass sie in der Auseinandersetzung um die Betreuung von Kleinkindern hinter ihrer Familienministerin steht. „Freiheit der Wahl setzt die Möglichkeit der Wahl voraus“, sagte Merkel. In den alten Ländern gebe es derzeit nur für sieben Prozent der Kinder unter drei Jahren eine öffentliche Betreuungsmöglichkeit, in den neuen Ländern dagegen für fast 40 Prozent. Von der Leyen will bis zum Jahr 2013 die Zahl der Betreuungsplätze für Kinder unter drei Jahren auf 750 000 verdreifachen und damit Müttern die Erwerbstätigkeit erleichtern. Mit ihrem Vorstoß hatte sie einen Richtungsstreit über das Familienbild von CDU und CSU ausgelöst.

Die Kanzlerin rief die Wirtschaft zu einem stärkeren Engagement beim Ausbau der Kinderbetreuung auf. „Wir brauchen eine familienfreundlichere Arbeitswelt“, sagte sie am Donnerstag in Berlin zur Eröffnung einer internationalen Konferenz zur Stärkung von Frauen im Wirtschaftsleben. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf sei angesichts der sinkenden Geburtenraten in Deutschland eines der Kernthemen.

Bischof Mixa hatte am Donnerstag die Kinderbetreuungs-Pläne von Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen als „schädlich für Kinder und Familien und einseitig auf eine aktive Förderung der Erwerbstätigkeit von Müttern mit Kleinkindern fixiert“ bezeichnet. Der geistliche Würdenträger erklärte weiter: „Die Familienpolitik von Frau von der Leyen dient nicht in erster Linie dem Kindeswohl oder der Stärkung der Familie, sondern ist vorrangig darauf ausgerichtet, junge Frauen als Arbeitskräfte-Reserve für die Industrie zu rekrutieren.“

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