Kinderbetreuung
Deutschland verfehlt seine Ziele deutlich

Eine Modellrechnung des Statistischen Bundesamtes zeigt die Kluft zwischen Wunsch und Wirklichkeit bei der Zahl der Betreuungsplätze: Die Realität ist weit von den Zielen entfernt, gerade Westdeutschland hat enormen Nachholbedarf. Unterdessen bahnt sich neuer Streit in der Koalition an: Familienministerin von der Leyen sperrt sich gegen das im Koalitionsvertrag festgeschriebene Betreuungsgeld.
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HB BERLIN. Die Bundesrepublik ist noch weit von dem Ziel entfernt, in den nächsten vier Jahren für 35 Prozent aller Kinder unter drei Jahren eine Tagesbetreuung anbieten zu können. Bis 2013 würden dazu rund 275 000 zusätzliche Betreuungsangebote benötigt, teilte das Statistische Bundesamt in Wiesbaden am Freitag als Ergebnis einer Modellrechnung mit. Dies wären pro Jahr im Durchschnitt rund 69 000 neue Angebote. 2009 stieg die Zahl der betreuten Kinder dieser Altersgruppe zum Stichtag 1. März um 53 000.

Unterdessen bahnt sich aber neuer Streit zwischen den schwarz-gelben Koalitionären an: Familienministerin von der Leyen kritisierte das Betreuungsgeld. Zwar sei es richtig, Erziehungsleistung aufzuwerten. „Andererseits stört mich, dass das Betreuungsgeld nur dann gezahlt werden soll, wenn das eigene Kind nicht in die Kita geht oder bei einer Tagesmutter ist“, sagte die Ministerin demnach. Gerade Kinder aus sozial schwachen Familien gingen seltener in die Kita als Kinder gut ausgebildeter Eltern. „Hier müssten wir eigentlich mehr Überzeugungsarbeit leisten, dass auch Zweijährige vom Spiel mit Gleichaltrigen profitieren“, sagte von der Leyen und ergänzte: „Deshalb sollten wir in den nächsten drei Jahren darüber diskutieren, wie wir die Leistung gestalten, damit kein Kind draußen bleiben muss. Ich halte die Idee eines Gutscheinsystems für nachdenkenswert.“

Die Zielvorgabe eines Betreuungsangebots für bundesweit 35 Prozent der unter Dreijährigen bis Ende 2013 war im April 2007 von Bund, Ländern, Gemeinden und Wohlfahrtsverbänden vereinbart worden.

Ausgehend von einer annähernd konstanten Geburtenziffer von 1,4 Kindern je Frau werden den Statistikern zufolge am Jahresende 2012 insgesamt 1,98 Millionen Kinder unter drei Jahren in Deutschland leben. Ein Angebot für bundesweit 35 Prozent der Kinder erfordere demnach etwa 692 000 Plätze.

Am 1. März wurden bundesweit 417 000 Kinder unter drei Jahren in einer Kindertageseinrichtung oder in einer öffentlich geförderten Kindertagespflege betreut. Da in den ostdeutschen Bundesländern mit 46 Prozent die Betreuungsquote schon jetzt überdurchschnittlich hoch ist, müssen die zusätzlichen Plätze rechnerisch ausschließlich in den westdeutschen Ländern geschaffen werden.

Die Modellrechnung beruht auf Ergebnissen der Statistik zur Kindertagesbetreuung 2009 und den Ergebnissen der Bevölkerungsvorausberechnung des Statistischen Bundesamts.

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