Kindstötung in Brandenburg
Schönbohm bringt Freund und Feind gegen sich auf

Brandenburgs Innenminister Jörg Schönbohm (CDU) hat mit einem Erklärungsversuch zum Fall der neun getöteten Babys von Brieskow-Finkenheerd Empörung ausgelöst. Auch Parteifreunde des CDU-Landesvorsitzenden äußerten Unverständnis.

HB POTSDAM. Schönbohm hatte in einem Interview mit dem "Tagesspiegel" maßgeblich das SED-Regime der DDR und eine "erzwungene Proletarisierung" für Verwahrlosung und Gewaltbereitschaft im Osten verantwortlich gemacht. Mit der Kollektivierung der Landwirtschaft durch die SED sei die Verantwortung für Eigentum wie auch für das Schaffen von Werten verloren gegangen. Die 39-jährige Mutter wird beschuldigt, die zwischen 1988 und 1999 geborenen Kinder nach der Entbindung getötet zu haben.

Er könne diese Sicht der Dinge nicht teilen, sagte Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD), der mit Schönbohm der großen Koalition in Potsdam vorsteht, dem RBB. Das sei doch eine mehr westdeutsche Sicht. "Wir sollten uns Gedanken machen, wie Menschen in unserer Gesellschaft besser aufeinander achten, mehr Hilfe anbieten, mehr sensibel auf ihre Umwelt reagieren", sagte Platzeck.

Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Wolfgang Böhmer (CDU) sagte dem "Berliner Kurier": "Ich sehe keinen Grund, zwischen der Kollektivierung der Landwirtschaft und dem Umbringen eigener Kinder einen Zusammenhang zu finden." Von "unerhörten" Äußerungen sprach der thüringische CDU-Generalsekretär Mike Mohring. Für einen Kabinettsposten in einer CDU-geführten Bundesregierung sei Schönbohm nicht länger tragbar.

Der sächsische CDU-Generalsekretär Michael Kretschmer wertete die Einschätzung von Brandenburgs Innenminister als "völlig absurd". Der Vorsitzende der Linkspartei/PDS, Lothar Bisky, warf Schönbohm vor, er diffamiere die Ostdeutschen. Auch in Westdeutschland gebe es Verbrechen, die nichts mit dem Kapitalismus zu tun hätten. Brandenburgs Bildungsminister Holger Rupprecht (SPD) sagte, Worte hätten ihn genauso erschüttert wie der Vorfall selbst.

Die Mutter der toten Kinder war am Sonntag festgenommen worden und sitzt in Untersuchungshaft. Sie gab bei Vernehmungen an, sie könne sich nur an zwei der neun Geburten erinnern. Bei den übrigen habe sie sich stark betrunken, als die Wehen einsetzten. Zur Tötung der Kinder machte die arbeitslose Zahnarzthelferin bisher keine Angaben.

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