Kleine Teile, große Ängste
Mehr Schutz gegen Nanotech-Produkte gefordert

In Deutschland gibt der Staat in diesem Jahr gut 440 Mio. Euro für Nanotechnologie-Forschung aus. Im deutschen Bundestag herrscht allerdings Skepsis über den Einsatz der Zukunftstechnologie. Ein Antrag der Fraktionen von Union und SPD warnt eindringlich vor den Gefahren der Technik und fordert deren frühzeitige und umfassende Untersuchung. Den Grünen geht das nicht weit genug.

BERLIN. Das Potenzial der Nanotechnologie ist offenbar deutlich höher als bislang gedacht: Für das Jahr 2015 wird das Volumen des Weltmarktes für nano-optimierte Produkte auf bis zu drei Billionen Dollar geschätzt. Darauf weist das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) hin und bezieht sich dabei auf das US-Beratungsunternehmen Lux Research. Bis vor kurzem galt noch die Marke von einer Billion Dollar.

Das erhoffte große Geschäft habe weltweit rund 30 Staaten veranlasst, Geld in die Erforschung der Nanotechnologie zu stecken. Vorreiter sind die USA, die im Rahmen der Nanotechnology Initiative 2008 rund 1,5 Mrd. Dollar in die Erforschung der Mini-Teilchen steckten.

In Deutschland gibt der Staat in diesem Jahr gut 440 Mio. Euro für Nanotechnologie-Forschung aus - 2006 waren es noch 370 Mio. Euro, heißt es im „Nano.de-Report 2009“ der Bundesregierung. Knapp 200Mio. Euro davon kommen direkt von der Bundesregierung, weitere 178 Mio. Euro investieren die großen Forschungsorganisationen; die Länder sind mit rund 60 Mio. Euro im Boot.

Im deutschen Bundestag herrscht allerdings Skepsis über den Einsatz der Zukunftstechnologie. Ein Antrag der Fraktionen von Union und SPD, der Donnerstagabend zur endgültigen Abstimmung auf der Tagesordnung stand, warnt eindringlich vor den Gefahren und fordert die Bundesregierung auf, diese umfassend und frühzeitig zu untersuchen und publik zu machen. Dazu müssten auch die geltenden Schwellenwerte überprüft werden. Sorgen machen sich die Koalitionäre vor allem über „freie“ Nanopartikel, die nicht fest in anderem Material wie etwa Lacken eingebunden sind. Solche dürften weder in Gewässer, Luft und Boden gelangen noch in den menschlichen Körper oder Lebens- und Futtermittel.

Die Grünen gehen noch wesentlich weiter und fordern ein Moratorium für die Verwendung freier Nanopartikel in Lebensmitteln und Kosmetik, samt Verpackung. Der Einsatz dürfe erst erlaubt werden, wenn die Risiken umfassend erforscht sind.

Die Bevölkerung steht Nanotechnologie – anders als etwa der Atomkraft – bislang überwiegend positiv gegenüber: Nach einer Befragung des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) im vergangenen Jahr kann zwar noch immer jeder zweite nichts mit dem Begriff Nanotechnologie anfangen. Von der informierteren Hälfte jedoch schätzt die große Mehrheit den potenziellen Nutzen der Nanotechnologie höher ein als die Risiken. „Auch beim Gefühl zur Nanotechnologie überwiegt der Anteil derjenigen, die ein sehr gutes oder gutes Gefühl haben, deutlich“, heißt es im BfR-Bericht. Ängste könnten allerdings Vorstellungen über „freie“ Nanoteilchen auslösen, weil damit Phantasien über kleine, unkontrollierbare Teilchen entstehen und Parallelen zu „freien Radikalen“ oder „Feinstaub“ gezogen würden.

In Deutschland gibt es derzeit rund 750 Unternehmen, die Nanotechnologie einsetzen. Bei 370 davon macht sie einen nennenswerten Teil des Geschäfts aus. Der Umsatz mit Nanotech betrug 2007 rund 33 Mrd. Euro, schätzt der Nano-Report, den das Technologiezentrum des Vereins Deutscher Ingenieure (VDI) für den Bund erstellt hat. Insgesamt hätten die Nanotech-Unternehmen im gleichen Jahr rund 4,7 Mrd. Euro für Forschung und Entwicklung in diesem Bereich ausgegeben. Die Gesamtzahl der Beschäftigten im Nanotechnologiebereich wird auf 63 000 geschätzt.

Barbara Gillmann ist Korrespondentin in Berlin.
Barbara Gillmann
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