Koalition
Rissige Harmonie im Bundeskabinett

Der Einigung der Koalitionspartner folgt der Gang durch die parteiinternen Instanzen - und das Protzen mit den eigenen Verdiensten. Noch bevor der Koalitionsvertrag unterschrieben ist, zeigen sich die Differenzen, die die Verhandlungen überdauert haben. Die Harmonie in der Vernunftehe zwischen Union und FDP ist ein fragiles Gebilde.
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Zumindest das erste Wochenende verläuft für die neue schwarz-gelbe Koalition nach Maß: Die Gremien von CDU und CSU winken den Koalitionsvertrag und die Personalentscheidungen durch. Und die FDP schwelgt auf ihrem Parteitag im Hangar des Flughafens Tempelhof im Selbstbewusstsein: "Wir haben unsere 20 Kernforderungen alle durchgesetzt! Versprochen, gehalten!" ruft Parteichef Guido Westerwelle den Delegierten zu - und lässt erst gar keinen Zweifel daran aufkommen, dass die Sonne seit der Bundestagswahl und den erreichten 14,9 Prozent 24 Stunden täglich für die Liberalen scheint.

So ist dem Parteichef tosender Beifall sicher. Die Delegierten spenden begeistert Ovationen, freimütig und schier ohne Ende. Nach elf Jahren Opposition sitzt die FDP wieder auf der Regierungsbank, endlich, endlich. Spitzen gegen die neuen Koalitionspartner von CDU und CSU verkneift sich Westerwelle im größten Triumphgefühl selbstredend.

Stattdessen liefert er eine Szene der Harmonie, die das Zeug zum schwarz-gelben Klassiker hat. "Um 2.12 Uhr war der Koalitionsvertrag am Samstagmorgen beendet, seit 2.15 duzen wir uns", flachst der FDP-Chef in der ersten gemeinsamen Pressekonferenz des Parteichef-Trios und beugt sich zu CSU-Chef Horst Seehofer hinüber. Die Fotoapparate klicken, die Journalisten lachen. Ausgerechnet der Mann, den der CSU-Chef im Wahlkampf "Sensibelchen" genannt hat, macht nun auf mediale Versöhnung.

Doch bereits am Wochenende wird auch erkennbar, dass die Harmonie selbst in der schwarz-gelben Wunschbeziehung ihre Grenzen hat. "Das Gute an Koalitionsverhandlungen ist, dass man anschließend weiß, warum man nicht in den anderen Parteien ist", rutscht es etwa Kanzlerin und CDU-Chefin Angela Merkel heraus. Das klingt nach kühl kalkulierender Vernunftehe, nicht nach blinder Liebe.

Nicht nur, dass alle drei Parteien den Start unterschiedlich darstellen: Westerwelle spricht im Hangar von einem "mutigen Neuanfang". Merkel dagegen will sich ihre Zeit als Kanzlerin der schwarz-roten Koalition nicht schlechtreden lassen. Und CSU-Chef Seehofer macht klar, dass er aus dem Koalitionsvertrag ganz andere Schlüsse zieht als die FDP. "In der Gesundheitspolitik jedenfalls ändert sich erst einmal gar nichts", bremst er liberale Reformwünsche.

Wie der Alltag im Wunschbündnis werden wird, hatte Seehofer bereits nach der entscheidenden Nacht in der nordrhein-westfälischen Landesvertretung demonstriert. Eigentlich war verabredet, dass die drei Parteichefs sich vor dem gemeinsamen Auftritt am Samstagmorgen nicht äußern - doch Seehofer verbreitete sofort "seinen" Triumph, dass die CSU das lange umstrittene Betreuungsgeld für Hausfrauen durchgesetzt habe.

Schnell ist klar: Seit der Einigung geht es den drei Parteien wieder um die eigene Profilierung - auch gegeneinander. Für klare Kante im Auftrag der CSU soll im Bundestag etwa künftig Hans-Peter Friedrich sorgen. Nach Willen von Parteichef Seehofer soll sich Friedrich vor allem um das Wirtschaftsprofil seiner Partei kümmern, da die Christsozialen weder in Bayern noch im Bund künftig das Wirtschaftsressort besetzen. Das bringt ihn automatisch in Konfrontation zur FDP.

Auch CDU-Chefin Merkel sorgt sich am Tag nach der Koalitionseinigung sofort um die Schärfung des Profils ihrer Partei. Am späten Samstagnachmittag tritt sie gemeinsam mit dem neuen CDU-Generalsekretär Hermann Gröhe auf die Bühne im Konrad-Adenauer-Haus, der Parteizentrale. Der Abteilung Attacke gehört Gröhe zwar nicht an. "Draufhauen bereichert die politische Debatte auf Dauer nicht", sagt er selbst.

Dennoch sind die Aufgaben klar, die der Merkel-Vertraute künftig in seiner neuen Rolle erfüllen soll: Er muss der Kanzlerin zum einen gegen eine im Vergleich zur Großen Koalition größer gewordene Opposition den Rücken freihalten. Und er muss auch das Kunststück fertigbringen, den Öffnungskurs der Union weiterzuführen - und gleichzeitig Wähler, die zu den Liberalen übergelaufen sind, zurückzuholen. "Die Union hat auch liberale Wurzeln", betont Merkel in der Koalitions-Pressekonferenz und schielt zum Nachbarn - "auch wenn ich nicht weiß, ob Herrn Westerwelle dies gefällt." Die Basis für vier Jahre schwarz-gelbe Kooperation ist gelegt, Streit inklusive.

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