Koalitionsbildung
Auf dem linken Fuß erwischt

Verwunderung. Sprachlosigkeit. Klare Distanzierungen und indirekte Bekräftigungen. Am Tag nach dem Bekanntwerden der Pläne für eine Wahl der hessischen SPD-Chefin Andrea Ypsilanti mit den Stimmen der Linkspartei herrscht Chaos bei den Sozialdemokraten. Eine Partei zwischen Tabubruch und rot-roter Routine.

BERLIN. In der SPD ist ein offener Streit über den Urnengang mir der Linkspartei entbrannt. „Niemand hat eine Einschätzung, weil das Thema doch etwas überraschend gekommen ist“, räumt ein altgedienter Parteistratege ein, dem sonst immer eine kluge Interpretation einfällt.

Mit dem offenen Tabubruch wenige Tage vor der Hamburg-Wahl hat Beck selbst den engsten Führungskreis der Genossen überrascht. Fraktionschef Peter Struck war offensichtlich nicht eingebunden. „Ich gehe von der Linie aus, die wir vereinbart haben“, sagt er am Donnerstagmorgen dem Handelsblatt. Schließlich habe Ypsilanti mehrfach erklärt, sie wolle nicht auf die Lafontaine-Truppe angewiesen sein. „Wenn sich Frau Ypsilanti mit den Stimmen der Linken wählen ließe, wäre sie abhängig von diesen Leuten“, warnt Struck. Mit „diesen Leuten“ könne man aber keine Politik machen.

Das war bis Montagabend auch die Linie von Beck. Doch dann erklärte der Ministerpräsident in kleiner Runde, man werde in Hessen alles versuchen, eine Ampelkoalition mit Grünen und FDP zu schmieden. Wenn die Liberalen sich ihrer staatsbürgerlichen Pflicht aber weiter widersetzten, werde Ypsilanti bei der Ministerpräsidentenwahl am 5. April nicht zugunsten des Amtsinhabers Roland Koch verzichten. Dann müsse sie sich in geheimer Wahl auch mit den Stimmen der Linkspartei wählen lassen: „Wenn wir das nicht machen würden, wäre der ganze Schub der Wahl weg.“

Wild schießen seither die Spekulationen über Umstände und Motive dieser brisanten Äußerung ins Kraut. „Es floss Rotwein, man kippte Klaren“, will „stern.de“ erfahren haben. Von einem geheimen „Strategietreffen“, an dem auch Ypsilanti teilnahm, schreibt der „Kölner Stadt-Anzeiger“. Nach anderen Berichten beschloss die Runde gleich den Arbeitsplan für die Minderheitsregierung.

Die Wahrheit ist: Nach einem gemeinsamen Wahlkampfauftritt stärkten sich Beck, der Hamburger Bürgermeisterkandidat Michael Naumann und Schriftsteller Günter Grass nebst Frauen am Montagabend im Restaurant „Parlament“ unterm Hamburger Rathaus. Dabei war auch eine Handvoll Journalisten. Beck empfahl der Tischrunde einen Grauburgunder. Er selbst („ich faste“) verspeiste ein „Herrengedeck“, trank aber nur alkoholfreies Weizenbier.

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