Koalitionsszenarien
Schwarz-Gelb oder Schwarz-Rot?

Der Countdown läuft, der Tag der Entscheidung ist da: Seit heute Morgen um 8 Uhr wählt Deutschland den 17. Deutschen Bundestag - und so viel scheint klar: Es wird ganz spannend. Was passiert in Berlin, wenn um 18 Uhr der Kampf um die Wählerstimmen endgültig vorbei ist und die Wahllokale geschlossen sind? Die beiden wahrscheinlichsten Szenarien.

Szenario 1: Schwarz-Gelb erreicht die Mehrheit

Kurz nach 18 Uhr, Sonntagabend, Konrad Adenauer Haus. Die ersten Hochrechnungen sind eben über den Sender gelaufen. Bei 36 Prozent sieht die ARD die Union, bei 37 das ZDF. Die FDP schafft jeweils 13 oder 13,5 Prozent. Das reicht für eine Koalition aus CDU/CSU und FDP. Das ist mehr, als die Union vor vier Jahren hatte. Das ist der ersehnte Wechsel.

Angela Merkel strahlt; es ist dieses fast mädchenhafte Lächeln, das sonst nur bei Erfolgen auf großen internationalen Gipfeln aufblitzt. Gerade hat ihr Generalsekretär ihr einen Blumenstrauß in die Hand gedrückt. Ihre Strategie ist aufgegangen: Der auf die Kanzlerin zugeschnittene Wahlkampf hatte Erfolg, mangels Angriffsfläche konnte die SPD ihre Anhänger auch im Endspurt nicht mobilisieren. "Das ist ein guter Tag für die Union und für die CDU", sagt Merkel. "Das ist ein guter Tag für Deutschland. Und jetzt wollen wir schnell eine Regierung bilden und uns an die Arbeit machen."

Im Willy-Brandt-Haus brennt die Luft. SPD-Kandidat Frank-Walter Steinmeier und Franz Müntefering erörtern im Büro des Vorsitzenden, wie es weitergeht. Nach elf Jahren in der Regierung steht fest: Die SPD nimmt auf der Oppositionsbank Platz. Es ist das bittere Ende eines Sinkflugs, der 1998 bei 40,9 Prozent begann und nun bei weit weniger als 28,8 Prozent endet - dem schlechtesten Ergebnis der Partei seit 1953.

Ein Hauen und Stechen steht bevor, je nach Ergebnis. Kommt die Partei auf 25 Prozent oder mehr, dann kann Steinmeier den Fraktionsvorsitz beanspruchen und die Opposition führen. So haben es die Fraktionsflügel bereits verabredet. Steinmeier könnte dann auch Parteivorsitzender werden und mit dieser Macht die Partei neu aufstellen.

Schneidet die SPD schlechter ab, dann endet die Zeit für Steinmeier. Dann bricht die Zeit der zweiten Reihe um Olaf Scholz, Andrea Nahles und Sigmar Gabriel an. Die Partei steht vor unangenehmen Machtkämpfen und der Frage, ob sie links oder rechts von der Parteimitte nach einer neuen Mehrheit im Bund sucht.

Die Wahlsieger dagegen können schnell einen Koalitionsvertrag schmieden. Differenzen etwa bei der inneren Sicherheit oder den Bürgerrechten würden zunächst ausgeklammert und vertagt. Um Tatkraft zu demonstrieren, dürfte sich die schwarz-gelbe Koalition auf wesentliche Teile des CSU-Sofortprogramms einigen, das genau zwischen der Ablehnung der CDU für eine Steuersenkung auf Pump und den Milliarden-Versprechen der FDP liegt: Der Einkommensteuertarif würde im Umfang von 15 Mrd. Euro gesenkt, verteilt wie dereinst bei Rot-Grün auf zwei oder gar drei Jahre ab 2011. Bei der Unternehmensteuerreform würden die am schärfsten von der Wirtschaft kritisierten Elemente noch zum 1. Januar 2010 korrigiert werden. Die Koalition verhandelt mit den Energiekonzernen längere Laufzeiten der Atomkraftwerke. An die Haushaltskonsolidierung und die Reformen der Sozialsysteme traut sich das Bündnis erst 2010, um im Mai den Sieg bei den Landtagswahlen in Nordrhein-Westfalen nicht zu gefährden.

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