Koalitionsverhandlungen
Merkel und Westerwelle: Ich und ich

Union und FDP verhandeln über Programm und Zuschnitt der schwarz-gelben Koalition. Die Verhandlungspartner müssen eine Menge Streitpunkte aus dem Weg räumen, haben sich aber vorgenommen, Harmonie zu zeigen. Den beiden Verhandlungsführern Angela Merkel und Guido Westerwelle kommt zugute, dass sie eine professionelle Freundschaft verbindet.
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BERLIN. Der 50. Geburtstag von Angela Merkel sagt viel aus über das Verhältnis der CDU-Vorsitzenden zu ihrer Partei. Er wirft aber auch ein erhellendes Licht auf ihre Beziehung zu Guido Westerwelle. Am 17. Juli 2004 soll im Konrad-Adenauer-Haus, der CDU-Parteizentrale, ein Vortrag mit dem Titel „Gehirn – ein Beispiel zur Selbstorganisation komplexer Systeme“ stattfinden. Im Anschluss an das Referat, so steht es klein gedruckt weiter unten auf der Karte, gebe es zudem Gelegenheit, der Vorsitzenden der Christlich Demokratischen Union Deutschlands zum Geburtstag zu gratulieren.

Dass der Abend später für allerlei Schlagzeilen sorgt, ist dabei sicher nicht eingeplant. Dass er auch ein Meilenstein in der Beziehung Angela Merkels zu Guido Westerwelle wird, noch viel weniger.

Da ist zunächst der Vortragende, Wolf Singer, ein Hirnforscher, der den freien Willen in Abrede stellt und das Christentum zu einer wissenschaftlich überholten Denkform erklärt. Er spricht an diesem Abend über das Gehirn einer Schnecke und das Gehirn eines Menschen. Merkel blickt, in der ersten Reihe sitzend, begierig auf die zahlreichen Dias mit all den neurobiologischen Vernetzungen. Merkel, die Physikerin und für ihre bedächtige Art der Politik bekannt, hat sich den Vortrag selbst gewünscht. Das allein hätte eigentlich schon für ein paar Witze gereicht und mehr: Den Konservativen in der Union war der ganze Abend nicht geheuer.

Doch das ist noch lange nicht alles. Ob er jemanden mitbringen könne, hatte FDP-Chef Guido Westerwelle vorher an Merkel gesimst. Die stimmt zu, wohl wissend, dass sie damit Westerwelle den Vortritt in den Medien überlässt. Er bringt seinen Lebensgefährten, den Sportmanager Michael Mronz, mit. Erstmals zeigt sich das Paar in der Öffentlichkeit. Der Geburtstagsempfang der CDU-Chefin gerät zum Outing des FDP-Vorsitzenden. „Ja, es ist Liebe“, schreibt danach die Bunte, mit sommerlicher Leichtigkeit rauscht es durch den Blätterwald.

„Sie haben sich Vertrauen durch gemeinsame Erlebnisse erarbeitet“, heißt es heute im Umfeld Merkels, wenn es um das Verhältnis zu Guido Westerwelle geht. Man könnte hinzusetzen: Sie weiß mit ihm umzugehen, sie kennt seine Gehirnstruktur, er könnte, wenn es gutgeht, der Beschleuniger sein für ihr Schneckentempo. Ab heute verhandeln beide, als Vorsitzende von Union und FDP, über ihre Regierungskoalition.

Der rheinische Berufspolitiker und die ostdeutsche Protestantin – ehrgeizig bis zur Kälte der eine, ehrgeizig, um zu überleben, die andere. Beide sind Parteivorsitzende mit ganzem Herzen, auch wenn man Merkel oft unterstellt, dass ihr Blutdruck gefriere, wenn sie an die CDU denke. Der Ex-CSU-Chef Edmund Stoiber spottete gern über „Leichtmatrosen“, wenn er über die ostdeutsche Protestantin und den Junggesellen aus Bonn sprach. Jetzt sind sie das neueste politische Tandem der Bundesrepublik.

Beide wurden angefeindet, beide standen es durch. Eine Frau und ein Schwuler, die könnten den rot-grünen Alphatieren Gerhard Schröder und Joschka Fischer doch nicht das Wasser reichen, ätzte weiland die CSU. Ein „Duo der Zukunft“, nein, das seien die beiden trotz noch so vieler Gemeinsamkeit vorgaukelnder Bilder in Westerwelles Cabrio nicht, Bilder, die heute wieder gern hervorgekramt werden.

Jetzt stellt sich das neue Führungspaar in eine Reihe mit Franz Josef Strauß und Karl Schiller, Willy Brandt und Walter Scheel. Und auch sie müssen als Partner funktionieren, sonst funktionieren ihre Karrieren bald nicht mehr. Aber können sie das?

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