Kölner Aleppo-Demonstrationen
Wie ich lernte, Empörung zu zeigen

Wo ist der Aufstand gegen den Krieg in Syrien? Aleppo stirbt. Wir schauten lange zu. Endlich verwandelt sich Lethargie in Aktionismus. Mit drei Freunden habe ich eine Demo organisiert - und dabei viel gelernt.
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KölnEndlich regt sich was. Es ist Mittwoch der 14. Dezember und während einige meiner Facebook-Freunde gerade noch bestürzt feststellen, dass Weihnachtsgeschenke und Nordmanntanne besorgt werden müssen, brennt mein Gesicht. Brennen meine Wangen. Der Tisch an dem ich sitze: ganz nass. Ich weine und lese geschockt die neuesten Schlagzeilen aus Aleppo. Die Lage könnte dramatischer nicht sein.

Die „Syrische Armee richtet Zivilisten hin“ (Zeit Online), die Uno berichtet über Massaker an Frauen und Kindern, unschuldige Menschen werden offenbar exekutiert. Ein UN-Sprecher sagt: „Es gibt einen kompletten Kollaps der Menschlichkeit in Aleppo.“ Wie ein kleines Kind weine ich und denke darüber nach, was ich tun soll. Ob ich mich schützen muss vor all den furchtbaren Nachrichten, die mich seit Wochen teilweise ungefiltert über Twitter und Facebook erreichen – das Internet macht's möglich. Krieg ist auch nicht mehr das, was er früher war. Er sitzt jetzt mit mir auf dem Sofa, wenn ich essen will, am Schreibtisch, wenn ich arbeiten will, er liegt neben mir, wenn ich schlafe und ploppt immer wieder grell auf mitten in der Nacht.

Über die Sozialen Netzwerke, die in diesen Tagen ihrem Namen leider kaum eine Ehre machen, strömen grausame Videobilder direkt in meine Seele, tief in mein Herz. „Anna, ich halte das nicht mehr aus!“, schreibe ich einer Freundin, die sich in den Niederlanden engagiert, die sich seit Wochen auf- und wund reibt, aber wenigstens etwas tut. Die laut ist und wütend. Auch meine Arbeitskollegin aus Wuppertal schreibt mir hilflos per Whatsapp: „Carina, ich weine. Es ist kaum zu ertragen.“ Was mich besonders fassungslos macht: Warum gehen Hunderttausende gegen das transatlantische Freihandelsabkommen auf die Straße, aber nicht gegen den Syrien-Krieg? Was ist das los? Und wo sind eigentlich die anderen Konsorten, die sonst immer so schnell für den Frieden auf die Barrikaden gehen?

Ich muss zu meiner Schande gestehen, dass ich bis jetzt ein passiv politischer Mensch gewesen bin. Hier als Journalistin sitze ich im Unternehmensressort, um die Politik kümmern sich die Kollegen. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich bin nicht unpolitisch – ganz im Gegenteil. Aber oft eben auch einfach nur absolut ohnmächtig und erdrückt von all dem Leid, dass es da draußen auf der Welt gibt. Gerade, als ich mich wieder gefangen und aufgehört habe, dicke Tränen zu vergießen in meiner kleinen, sicheren Kölner Altbauwohnung, werde ich von einer Bekannten, die ich erst einmal im letzten Sommer live gesehen habe, in eine neue Facebook-Gruppe eingeladen. „Soli-Demo für Aleppo“. Wir sind zu viert. Zwei Frauen, zwei Männer aus Köln, die wie so viele Menschen gerade gar keine Antwort haben auf die Frage, wie sich das Grauen in Syrien beenden lässt, die aber eins vereint: Wut und Fassungslosigkeit. Steffi postet: „Wir organisieren für Freitagabend eine Demonstration in Köln gegen die Angriffe auf Aleppo“ und für mich ist es wie eine Erlösung. Endlich. Auch in anderen Städten regt sich Protest und werden Demonstrationen geplant.

Fest steht an diesem frühen Mittwoch erstmal nur so viel: Wir wollen und können nicht länger nichts tun, während Aleppo stirbt. Wir können nicht mehr weiter zuschauen, wie Schulen und Krankenhäuser zerbombt und Kriegsverbrechen begangen werden. Innerhalb von wenigen Stunden füllt sich die geschlossene Gruppe mit weiteren Menschen. Martin, Steffi, Daniel und ich fangen an, einen Schweigemarsch für die Menschen in Aleppo zu organisieren. Wie das geht? Keine Ahnung! Ich gebe bei Google ein: „Demonstration organisieren“. Jeder macht, was er kann. Die Polizei anschreiben. Lokale Politiker um Unterstützung bitten. Ein Event bei Facebook erstellen, zu dem wir die Menschen einladen können. Ein Hashtag für Twitter – #CologneForAleppo. Ein kurzer Text, der informiert, wer hier warum was macht und am Ende ist sogar Albert Einstein mit im Boot: „Die Welt ist viel zu gefährlich, um darin zu leben – nicht wegen der Menschen die Böses tun, sondern wegen der Menschen, die daneben stehen und sie gewähren lassen.“

Knapp 24 Stunden später, am Donnerstagmittag, geht das erste Mailing an die Lokalpresse raus: „Sehr geehrte Damen und Herren, für Freitag haben wir aus privater Initiative heraus einen Schweigemarsch aus Solidarität mit den Menschen in Aleppo geplant. Die Demo ist von der Polizei mittlerweile genehmigt.“ In der Gruppe postet Daniel, dass uns jemand ein Profi-Megaphon zur Verfügung stellt und inzwischen ist auch die Übersetzung unseres Aufrufes auf arabisch da. Um 15:30 Uhr steht über unserem Event: „2.014 Personen sind interessiert · 871 Personen haben zugesagt.“ Steffi schreibt: „Krass. Dann rocken wir das jetzt.“

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  • In Syrien ist Bürgerkrieg. D.h. die Bürger (Islamgläubige = Tötet Andersgläubige) ermorden sich gegenseitig und sind nicht gewillt mit den Nachbarn in Frieden zu leben. Diese Personen will Frau Merkel unbedingt in Deutschland haben!

  • (2/2)

    Schockierend sind für mich nicht nur die Bilder von verletzten und toten Kindern, die aus den Trümmern geborgen werden, derlei Bilder gab es dank westlicher Interventionen in den letzten 60 Jahren so viele, dass man sich schon fast daran gewöhnt hat. Mein Gesicht brennt vor allem, wenn ich sehe, wie reaktionär die durchschnittlichen potenziellen Wähler auf die erneute Meinungsmache reagieren und so erneute Interventionen, bei denen es in Wirklichkeit ausschließlich um Rohstoffe und Absatzmärkte geht, gesellschaftlich legitimieren.

    Denn was wird hier eigentlich gefordert? Ein Freund von mir hat mal gesagt, dass es heute kaum noch Menschen gibt, die etwas ändern wollen, dafür aber haufenweise, die demonstrieren, damit jemand etwas für sie ändert. Dass sich die Kriegsparteien von einem Lichterspiel und ein paar Plakaten beeindrucken lassen, aufhören zu kämpfen und beginnen miteinander zu reden, kann selbst die Autorin, die im gesamten Artikel lediglich die eigene Unbedarftheit zur Schau stellt, nicht ernsthaft glauben.

    Wo die anderen Konsorten sind, die sonst immer so schnell für den Frieden auf die Straße gehen? Die ziehen sich Artikel derselben Autorin wie "Das Superman-Shirt gegen Rückenschmerzen" oder "Traumfigur aus der Steckdose?" rein, solange bei amerikanischen und französischen Bombardements, wenn überhaupt, nur von "Kollateralschäden" die Rede ist.

  • (1/2)

    Seit 1953 der demokratisch gewählte Premierministier Mohammad Mossadegh durch amerikanische Initiative weggeputscht wurde, um sich die Rohstoffe im Iran zu sichern, folgte im Nahen und Mittleren Osten eine westliche Intervention nach der anderen. Es wurden Diktatoren unterstützt, islamistische Terrorgruppen finanziert und mehr als einmal selbst militärisch interveniert. Heute haben die meisten Länder in dieser Region einen Regimechange erfahren, der Lebensstandard ist deutlich gesunken und Millionen Menschen, darunter zahlreiche Zivilisten, sind durch vorwiegend amerikanische Waffen ums Leben gekommen. Immer ging es dabei vordergründig um die "westlichen Werte", also Freiheit und Demokratie, schloss man sich diesem Kriegstreiben nicht an, galt man als "Putin-Versteher" und hatte die Gegenseite mal Oberwasser, verbreitete man schleunigst Meldungen über Atombomben und Kriegsverbrechen, die sich im Nachhinein als erstunken und erlogen herausstellten.

    Auch in Syrien wurde der Regimechange hauptsächlich von den USA finanzierten, ausgerüsteten und ausgebildeten Milizen, teilweise aber auch islamistischen Terrororganisationen initiiert, da sich Assad gegen eine Erdgaspipeline von Katar mit amerikanischer Beteiligung und für eine Pipeline aus dem Iran mit russischer Beteiligung entschied, und auch in diesen Tagen werden syrischen Soldaten die schlimmsten Kriegsverbrechen angedichtet. Allein, dass in diesem Artikel ernsthaft von einem "Bürgerkrieg" gesprochen wird, zeigt also nicht nur die mangelnde Kenntnis politischer und geostrategischer Zusammenhänge der Autorin auf, sondern ist auch eine Unverschämtheit gegenüber den Lesern und respektlos gegenüber den Opfern des "arabischen Frühlings".

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