Kofferbomben in Zügen
BKA vermutet Terrorzelle in Deutschland

Am frühen Freitagmorgen hat die Polizei in Konstanz am Bodensee einen weiteren Verdächtigen im Fall der Kofferbomben in Regionalzügen festgenommen. Außerdem fassten die libanesischen Behörden in der Hafenstadt Tripoli einen mutmaßlichen Mittäter - den offenbar Kofferbomber Dschihad Hamad verpfiffen hat.

HB KONSTANZ. Nach Angaben der Bundesanwaltschaft in Karlsruhe wird das Studentenheim des Mannes am Bodensee seit Freitagmorgen durchsucht. Er stamme aus dem „Umfeld“ des in Kiel gefassten mutmaßlichen Kofferbomben-Attentäters Youssef Mohamad El Hajdib (21). Es sei noch nicht klar, „ob und inwieweit“ der verdächtige Mann aus Konstanz in die Vorbereitungen der misslungenen Anschläge auf Regionalzüge vor rund dreieinhalb Wochen eingebunden gewesen sei, hieß es weiter.

Sicherheitskräften in Konstanz berichteten laut dpa, der Festgenommene soll Libanese sein. Wie es weiter hieß, lebte der Mann erst seit kurzem in der Stadt. Er habe sein Studium erst noch aufnehmen wollen.

Der Beschuldigte soll im Laufe des Tages von Beamten des Landeskriminalamts Baden-Württemberg vernommen werden. Danach wollen die Ermittler entscheiden, ob sie Haftbefehl beantragen und den Mann am Sonnabend dem Ermittlungsrichter am Bundesgerichtshof in Karlsruhe vorführen. Das zweithöchste deutsche Gericht ist deswegen involviert, weil die Ermittlungen von Generalbundesanwältin Monika Harms geführt werden.

Nach bisherigem Ermittlungsstand geht das Bundeskriminalamt (BKA) von einer terroristischen Zelle in Deutschland aus, sagte BKA-Präsident Jörg Ziercke in der ARD. Es sei wahrscheinlich, „dass es in Deutschland Mitwisser und Helfer gegeben hat“. Ob es einen Zusammenhang mit der libanesischen Organisation Hizb ut-Tahrir gibt, sei noch nicht klar.

Vierter Verdächtiger im Libanon

Zum vierten Verdächtigen im Libanon sagte der Generalstaatsanwalt des Landes, Said Mirsa, es handele sich um einen 24 Jahre alten Mann aus einem Dorf in der nordlibanesischen Provinz Akkar. Ein Sprecher der Bundesanwaltschaft erklärte gegenüber Handelsblatt.com, es habe im Fall der Kofferbomben drei Festnahmen gegeben. Über den in Gewahrsam genommenen vierten Libanesen lägen noch keine weiteren Informationen vor.

Die Hinweise auf ihn stammten offenbar von Dschihad Hamad, jedem mutmaßlichen Bahn-Bombenleger, der sich am Vortag in seiner Heimatstadt Tripoli der dortigen Kriminalpolizei gestellt hatte. Hamad wurde am Freitag erstmals von deutschen Ermittlern verhört. Ein Behördensprecher sagte, die Verhöre würden vom Generalstaatsanwalt Said Mirsa und würden etwa zwei Tage dauern. Hamad war nach seiner Festnahme in die Hauptstadt Beirut gebracht worden; noch am Abend machten sich deutsche Beamte auf Weg in den Libanon.

Wie die dpa aus libanesischen Sicherheitskreisen erfahren haben will, wird Hamad inzwischen als Hauptverdächtiger in dem Fall angesehen. Der Vater des Terrorverdächtigen hatte am Donnerstag erklärt, sein Sohn habe keine Kontakte zu politischen Aktivisten gehabt und auch keine Verbindungen zu der radikalen Islamisten-Organisation Hizb ut-Tahrir. Hamad war, kurz nachdem die nicht detonierten Sprengsätze entdeckt worden waren, in den Libanon gereist. Die Kofferbomben waren in zwei Regionalzügen in Nordrhein-Westfalen deponiert und in Dortmund und Koblenz (Rheinland-Pfalz) gefunden worden. Die Sprengsätze detonierten wegen einer mangelhaften Konstruktion nicht.

Muslimische Verbände in Deutschland haben die versuchten Bombenanschläge auf zwei Regionalzüge scharf verurteilt. In einer in Köln veröffentlichten Erklärung von 16 Verbänden und Migrantenorganisationen heißt es, die Taten hätten bei ihnen „Entsetzen und Abscheu“ ausgelöst. Die Verbände verwahrten sich nachdrücklich dagegen, „dass diese Handlungen mit dem Islam gerechtfertigt werden sollten“. Die deutschen Muslime sähen sich von den Ereignissen doppelt betroffen, heißt es in der Erklärung. Einerseits seien Muslime als Teil der Gesellschaft ebenso potentielles Ziel von Anschlägen wie andere Mitbürger auch, „andererseits müssen wir verstärkt darunter leiden, von vielen als 'Mitschuldige' bezeichnet zu werden“.

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