Kommentar
Abhängig vom Hassobjekt

Die Politiker schlagen zu Unrecht auf die Ratingagenturen ein. Denn die EZB hat sich selber in die Abhängigkeit der privaten Bonitätswächter begeben. Nun ist politische Führung gefragt.
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Für Europas Politiker sind sie spätestens seit der Euro-Schuldenkrise ein Hassobjekt: "Es kann nicht sein, dass einige wenige amerikanische Ratingagenturen über Wohl und Wehe der Europäischen Währungsunion entscheiden", klagte zuletzt der FDP-Fraktionsvorsitzende Rainer Brüderle. Recht hat er. Das Traurige ist nur, dass die Politik von den Bonitätswächtern abhängiger ist denn je.

Seit Wochen geht es in allen Diskussionen darum, wie die Griechenland-Rettung gestaltet werden muss, damit Standard & Poor's (S&P), Moody's oder Fitch ein neues Hilfspaket nicht als eindeutigen Hinweis auf den Zahlungsausfall des Schuldners bewerten. Gleichzeitig wollen aber deutsche und französische Politiker die Banken zur Kasse bitten und an den neuen Hilfen für Griechenland beteiligen.

Beides zusammen wird nicht funktionieren: Die Ratingagenturen bewerten gemäß ihren Richtlinien jede Neujustierung als Zahlungsausfall des Schuldners, die die Gläubiger in irgendeiner Weise schlechter stellt. Deshalb droht S&P, Griechenlands Staatsanleihen als ausgefallen zu bewerten, wenn das "Pariser Modell" zur Beteiligung privater Gläubiger zum Tragen kommt.

Dass der Einschätzung der Ratingagenturen eine derartige Bedeutung zukommt, hängt weniger an den Politikern als an der Europäischen Zentralbank (EZB). Diese wird nicht müde zu betonen, gemäß ihren Statuten griechische Anleihen, denen die Ratingagenturen den Stempel "D" für Default aufgedrückt haben, nicht mehr als Sicherheit für Kredite an Banken akzeptieren zu können. Das würde unweigerlich das Ende vor allem für die griechischen Banken bedeuten, die viele Bonds ihres Landes im Portfolio haben und nur noch von der EZB Geld bekommen können.

Verständlich ist diese harte Haltung der EZB aber nicht. Sicher, die Notenbanker wurden durch politischen Druck gezwungen, griechische Staatsanleihen nicht nur als Sicherheit zu akzeptieren, sondern zusätzliche im Markt zu kaufen. Außerdem haben sie ihre Bonitätsanforderungen schon massiv heruntergeschraubt: Bis Oktober 2008 akzeptierte die EZB als Sicherheit nur Anleihen mit einem Rating von mindestens "A-" - inzwischen ist das Griechen-Rating bei S&P bereits elf Stufen tiefer angekommen.

Aber: Ob die Ratingagenturen wegen irgendwelcher Feinheiten Hellenen-Bonds als ausgefallen bewerten oder nicht, macht sie nicht besser oder schlechter. Fakt ist jedoch, dass die EZB aus Furcht vor einer Ausweitung der Krise auf andere Staaten gegen eine Einbeziehung privater Gläubiger ist. Die Agenturen dienen hier eher als Feigenblatt, um dies zu bemänteln.

Von daher sollten sich zunächst die Politiker untereinander und dann mit der EZB einigen, ob sie eine private Beteiligung der Gläubiger wollen oder nicht. Die Ratingagenturen in dieser Frage zum Zünglein an der Waage zu machen und sie zur Änderung ihrer Richtlinien zu bewegen spielt ihnen eine Macht in die Hände, die sie in der Tat nicht haben sollten.

Die Autorin ist Korrespondentin in Frankfurt.

Sie erreichen sie unter: cuennen@handelsblatt.com

Andrea Cünnen
Andrea Cünnen
Handelsblatt / Finanzkorrespondentin

Kommentare zu " Kommentar: Abhängig vom Hassobjekt"

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  • Ich kann mir vorstellen, dass die Ratingagenturen das Rating für Griechenland sofort anheben, wenn mindestens 10 deutsche Politiker Griechenland jeweils einen Kredit über einhunderttausend Euro für 3 Jahre gewähren.

  • Sie meinen die Spekulanten, die noch nie einen Spargel in ihrem Leben gestochen haben - stimmt es?

    Die sollten, nachdem man sie mal alle Pleite hat gehen lassen (30% Steuer auf CDS ist da genau das Richtige) mal Spargel stechen gehen!

  • Die Jungs haben Recht. Aus dem Traum, die Schublade zu ziehen und Banknoten herauszuholen, aus dem Traum, die Druckerpresse anzuschmeißen, wenn die Schublade leer ist, um sie wieder aufzufüllen, müssen die sogenannten Pseudoexperten erlöst werden. Sie müssen von ihren jetzigen Standorten entfernt werden. Sie müssen zwangsverflichtet werden, einfache Arbeiten auszuführen, z. B. bei den Hungernden in der Welt dafür zu sorgen, daß diese Menschen wieder ein menschenwürdiges Leben führen können. Sie sollen körperliche Arbeiten durchführen müssen bei Schweiß und Tränen. Es gibt keine wichtigere Arbeit als diese. Es ist unerträglich, was diese Banditen uns eingebrockt haben.

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