Kommentar
Bakterium bringt Bahr in die Defensive

Die FDP-Nachwuchshoffnung Daniel Bahr ist noch frisch im Amt des Bundesgesundheitsministers - und stößt schon an seine Grenzen. Wenn er in der Ehec-Krise nicht bald Führungsstärke zeigt, wird der Schaden immens sein.
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Es ist ein einziger Ausbund der Hilflosigkeit: Keine vermeintliche Erfolgsmeldung im Kampf gegen die Ausbreitung des Darmbakteriums Ehec hält viel länger als 24 Stunden. Dann folgt das kleinlaute Dementi – oder zumindest das Eingeständnis, dass wieder nichts sicher ist.

Der gestrige Tag war symptomatisch. Morgens zum Frühstück galt noch ein Lübecker Restaurant als Quelle allen Übels. Zwischenzeitlich gerieten die Biogasanlagen in Verruf. Schließlich die nächste Eilmeldung: Die Behörden in Niedersachsen hätten eine heiße Spur. Zwei Stunden später dann stellte Niedersachsens Verbraucherschutzminister einen Sprossenzüchter an den Pranger – ohne echte Beweise zu haben. Schon am gleichen Abend wuchsen auch an dieser Erfolgsmeldung die Zweifel.

Und mitten in diesem Informationschaos aus Vermutungen, Halbwahrheiten und Irrtümern steht Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr – und macht nicht den Eindruck, als ob er die Situation im Griff hat. Von seinem Ministerkollegen aus Niedersachsen wird er geradezu vorgeführt. Während Bahr zu einer Goodwill-Tour durch Hamburger Krankenhäuser startet und die Arbeit der Ärzte lobt, grätscht ihm unabgesprochen der niedersächsische Agrarminister Gert Lindemann mit der vermeintlichen Erfolgsmeldung von den gefährlichen Sprossen dazwischen. Bahr sagte nur hilflos, dass es keine Bestätigung gebe. Womit er ja im Nachhinein betrachtet ziemlich richtig lag.

Doch mit dieser defensiven Haltung kommt Bahr auf Dauer nicht durch. Wenn ständig Behörden, Institute, Minister und selbsternannte Experten Halbwahrheiten und halbgare Erkenntnisse herauspusten, werden nicht nur die Verbraucher völlig verunsichert. Auch der wirtschaftliche Schaden dieser Kakophonie ist immens. Schon der unbegründete Verdacht gegen die spanische Gurke hat Schäden in dreistelliger Millionenhöhe verursacht. Heute haben dann prompt zahlreiche Supermarktketten alle Gemüsesprossen aus den Regalen geräumt – egal woher sie stammen. Es lebe die Hysterie.

Jetzt ist Führungsstärke vom Bundesgesundheitsminister gefordert. Nur vorsichtshalber vor dem Verzehr von Rohkost zu warnen, kann nicht genug sein.

Beim Krisentreffen, das noch in dieser Woche stattfinden soll, muss Bahr die Ministerien der Länder in die Pflicht nehmen. Die Behörden sollten endlich mit einer Stimme sprechen. Koordinieren sollte die Suche nach dem Erreger das Bundesgesundheitsministerium, beraten von den Experten des Robert-Koch-Instituts.

Für den noch jungen Bundesgesundheitsminister ist dies die erste große Bewährungsprobe. Im Kampf gegen Ehec kann er zeigen, ob der dem Amt gewachsen ist. Oder ob ein aggressives Bakterium ihm bereits die Grenzen aufzeigt.

Florian Kolf
Florian Kolf
Handelsblatt / Teamleiter Handel und Konsum

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  • Nee, Herr Kolf, so nicht. Sie werfen Bahr Führungsschwäche vor, weil er nicht jeder Sau der Journalisten und irgendwelcher Politiker hinterher läuft? Dann greifen Sie bitte diese Leute an.

  • Es sind aber nicht nur die Behördenvertreter und Politiker, die hier ein klägliches Bild abgeben. Denn die Stimmung wird von gewissenlosen Journalisten angeheizt, die jede verfolgte "heiße Spur" gnadenlos ausschlachten und in sensationslüsterne Meldungen verpacken. Wenn sich eine solche "heißse Spur" als falsch herausstellt, dann wird diese Erknenntnis jedoch nicht etwa genauso lauthals herausposaunt (weil kein Journalist freiwillig einen solchen kapitalen Fehler eingesteht), sondern statt dessen mit noch sensationelleren Meldungen das eigene Versagen vertuscht. Leider beteiligt sich nicht nur die für derartige Vorgehensweise berüchtigte Boulevard-Presse an dieser Praxis, sondern auch so genannte renommierte Tages- und Wochenzeitungen.

  • Das ist ein wenig zu einseitig. Ja, die Medien sind teils schlimm
    Aber in diesem Fall berichten sie doch nur, was täglich ein anderer selbst ernannter Experte ihnen in die Mikrofone flötet.
    Offenbar haben wir auch beim Robert Koch Institut keine seriösen Wissenschaftler mehr. Wie mediengeil sind die denn derzeit?
    Anstatt einmal zu sagen, dass sie noch nichts Genaues wissen, man möge das respektieren, sie würden forschen und dann die Ergebnisse mitteilen.
    Und zwischenrein das Jüngelchen Bahr, dem man wahrschienlich erst noch erklären mußte, was der Unterschied zwischen einem Virus und einem Bakterium ist. Da macht der dümmliche Krankenbesuche und lobt die Ärzte. Auf so einen Schmarrn können die Ärzte aber gerne verzichten.
    Die Hysterie ist inzwischen so groß, dass es in einigen Supermärkten nicht mal mehr Salat gibt. Ich bin vorhin durch drei Märkte gerannt, denn ich will mir heute Abend einen Salatteller machen
    Der Schaden durch die täglichen Falschmeldungen von "Experten" und Politikern wird derart groß sein, dass wir uns noch wundern werden

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