Kommentar
Berlin tickt anders

Bei der Berlin-Wahl triumphiert die Piratenpartei und der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit erhält einen Dämpfer. Auch wenn der SPD-Mann weiterregieren kann, bundespolitisch dürfte er das Nachsehen haben.
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DüsseldorfDas war's. Klaus Wowereit hätte derjenige unter den SPD-Politikern sein können, der mit einem Wahlsieg im Rücken den Durchmarsch zum Kanzlerkandidaten seiner Partei hätte schaffen können. Er wäre unter den Steinbrücks, Steinmeiers und Gabriels der einzige gewesen, der zeigen konnte, dass er Wahlen gewinnen kann. Doch aus diesem Szenario wurde nichts. Wowereit hat Verluste eingefahren. Mit seinem Ergebnis hat er im Bund das Nachsehen.

Das ist gut so, denn Berlin tickt anders. In der Hauptstadt ziehen jene Themen, die die Berliner Gesellschaft diskutiert. Es geht um sozialen Frieden, um den Umgang mit Migranten, um die Frage, wie Arbeitslose wieder eine Aufgabe finden können. So etwas, wie die Euro-Rettung, die Energiepolitik, der Umgang mit Ländern wie Libyen - all das haben die Berliner eher ausgeblendet. Deswegen sind Berliner Politiker nicht automatisch Bundespolitiker und deswegen wäre ein Gewinner Wowereit nicht automatisch ein guter Kanzlerkandidat gewesen.

Gestolpert ist er, der Berlin versteht - und das ist die Ironie bei dieser Wahl - über ein sehr Berlinerisches Phänomen. Es nennt sich Piraten-Partei und besteht aus einer Gruppierung, die sich so deutlich vom politischen Establishment abhebt, dass sie damit besonders in Berlin diejenigen ansprechen konnte, die mit den Würdenträgern herkömmlicher Prägung nichts anzufangen wissen. Ob bei dieser Partei aus Protest ein Programm werden kann, dürfen wir getrost bezweifeln.

Das war's auch für die FDP. Die Liberalen haben die vierte Landeswahl in Folge krachend verloren. Klar ist: Der neue Vorsitzende Philipp Rösler schafft es nicht, die Partei aus dem Tal der Tränen zu reißen. Damit hat die CDU, die in Berlin einen Sieg errungen hat, ein Problem, das diesen Sieg bitter macht: Auf ihren natürlichen Koalitionspartner können die Christdemokraten nicht länger zählen.

Es stimmt: Berlin ist nicht Deutschland. Aber es stimmt auch: Der Protest gegen die großen Volksparteien wird lauter. Unterkriegen lassen sich die Altvorderen davon allerdings noch lange nicht.

Oliver Stock
Oliver Stock
Handelsblatt / Stellvertretender Chefredakteur

Kommentare zu " Kommentar: Berlin tickt anders"

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  • Es geht nicht um das Programm!
    Es geht um die Stossrichtung!

    Ein Programm kann man ändern, eine Haltung seltenst!

    Weiterhin empfehle ich einen erklärenden Artikel aus diesem Hause:http://www.handelsblatt.com/politik/deutschland/wofuer-kaempfen-die-piraten/4622810.html

  • Haben sie eventuell das Wahlprogramm der Piraten gelesen?

  • Ach diese Berliner. Das Griechenland Deutschland. Schulden ohne Ende, große Klappe und nix dahinter. Was passiert wenn die Bayer und BWèrsagen: wir zahlen die 3 Mrd. für Berlin nicht mehr. Verdient hätten sie es alle mal.

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