Kommentar
Das Obama-Merkel-Paradox

Trotz Atomausstieg und Wirtschaftsboom rutscht Bundeskanzlerin Merkel auf der Beliebtheitsskala weiter ab, während US-Präsident Obama trotz dürftiger Ergebnisse vor der Wiederwahl steht. VON JOSEF JOFFE

HamburgWer das Widersinnige schätzt, wird das Obama-Merkel-Paradox genießen. Hier eine Kanzlerin, die über eine boomende Wirtschaft präsidiert, mit sinkender Arbeitslosigkeit und steigenden Exportüberschüssen. Die Mehrheit des Volkes begrüßt ihre neuerliche Atomwende. Neun von zehn teilten gar die Ohne-uns-Politik in Libyen. Dennoch schmilzt ihre Popularität: Im Zufriedenheitsranking fällt Merkel auf Platz fünf, hinter Schäuble und de Maizière. Der CDU geht es nicht besser; sie bekommt bei der Wählerbefragung zwei Punkte weniger als im Mai. Ein Rätsel: Wer mit den Stimmungen geht, verliert Stimmen.

Dagegen Obama, der eigentlich um seinen Job bangen müsste. Er schiebt ein Billionen-Dollar-Defizit vor sich her, die Arbeitslosigkeit steigt, die Häuserpreise sinken. Und dennoch geht kein Risiko ein, wer auf seine Wiederwahl 2012 wettet. Jedenfalls, wenn er die Republikaner betrachtet. Mitt Romney hat letztes Mal noch nicht einmal die Vorwahlen geschafft; Tim Pawlenty kennen selbst die meisten Amerikaner nicht.

Obama ist der Verlierer als Rockstar; Merkel macht stimmungspolitisch alles richtig, fällt aber in der Gunst des Volkes. Ein solides Gesetz der Politik, wonach der Kontostand die Wahlentscheidung bestimmt, ist ausgesetzt - hier wie in Amerika.

Ist der deutsche Mensch undankbar, gelangweilt oder wankelmütig? Ist der Amerikaner ein Heldenverehrer, der dem Charisma des Barack Obama verfällt wie ein Teenie der Rockröhre? Der große Max Weber hat eine ganze Theorie über die "charismatische Herrschaft" entwickelt. Sie wimmelt von Begriffen wie "Hingabe", "Vertrauen zum Führer", "Anerkennung durch die Beherrschten", "Begeisterung".

Sonore Worte, die an Religionsstifter erinnern. Ganz so göttlich geht es bei Obama nicht zu. Deshalb nüchterner: Er weiß, wie man die Herzen der Menschen öffnet. Hartgesottene mögen die Technik als Wählerfang entlarven, aber seit wann gehört der nicht zum politischen Geschäft?

Seite 1:

Das Obama-Merkel-Paradox

Seite 2:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%