Kommentar
Der Kanzler der Herzen

Peer Steinbrück profitiert vom derzeit alles bestimmenden Thema Finanzmärkte. Damit ist die Kanzlerkandidatenfrage der SPD aber längst nicht ausgemacht. Wenn in zwei Jahren gewählt wird, könnten andere Themen dominieren.
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Gäbe es in ein paar Monaten Bundestagswahlen, wäre Peer Steinbrück die Kanzlerkandidatur der SPD wohl kaum zu nehmen. Mit seinem neuen Buch und dem gemeinsamen Auftritt mit Helmut Schmidt bei Jauch und im „Spiegel“ hat Steinbrück sein Ansehen als sozialdemokratische Stabilitätsgarantie vergoldet. Dem sperrigen Spötter mit dem unterkühlten Humor fliegen die Herzen derer zu, die ihr Geld und sich selbst in Sicherheit bringen wollen.

Doch derzeit sieht es danach aus, als würde die Parlamentswahl erst ganz regulär in zwei Jahren stattfinden. Bei dem Tempo, in dem das politische Wetter umschlägt, ist das eine Ewigkeit. Noch im Frühsommer glaubte man, die Grünen könnten seriös mit einem eigenen Kanzlerkandidaten aufwarten. Heute erschiene das wie ein Witz. Auf die SPD übertragen, bedeutet das: Niemand kann heute sagen, wie die Wahlkampfkonstellation 2013 sein wird. Da ein richtiger Kandidat keine zeitlos schöne Größe ist, lässt sich heute nicht sagen, wer passen wird. Stehen die Sorgen über Schulden und den Veitstanz der Finanzmärkte im Vordergrund, läuft es wohl auf Steinbrück hinaus. Dreht sich die politische Auseinandersetzung dagegen viel mehr um Fragen einer ungerechten Einkommens- und Vermögensverteilung, wäre er nicht die Idealbesetzung.

Die SPD wird, um sich anpassen und reagieren zu können, den Kandidaten und das Verfahren seiner Auswahl lange offenhalten und bis dahin ihre Troika Steinbrück, Steinmeier, Gabriel zelebrieren. Das sichert ihr ein Grundrauschen an medialer Aufmerksamkeit, was in heutigen Zeiten viel Geld wert ist. Und es transportiert unterschwellig die Botschaft: Wir haben drei mögliche Spitzenleute, die CDU nur eine.

Davon abgesehen stehen Steinbrücks Chancen recht gut, weil das Thema öffentliche Finanzen immer stärker in den Vordergrund rückt. Nach zwei Jahren permanenter Auseinandersetzung um den Euro und eine übermäßige Verschuldung hat die Konsolidierung eine deutlich höhere Wertigkeit als noch bei der letzten Wahl. Mit dem Bewusstsein der Bürger verändert sich auch die Haltung der SPD, wird der des französischen Sozialisten Hollande ähnlicher, der feststellt: „Das Defizit ist der Feind der Linken und des Landes.“

Sich über dieses Thema mit der CDU auseinanderzusetzen wäre die richtige Rolle für Steinbrück. Aber keine leichte. Wer erinnert sich 2013 noch daran, dass er als Bundesfinanzminister einem ausgeglichenen Etat nahekam – aber dank hoher Einnahmen, nicht durch rigoroses Sparen. Welche Linie ergibt sich aus seinen Aussagen mal gegen, mal für Euro-Bonds? Würde er sich trauen, gegen die CDU einen Wahlkampf mit der Aussage zu führen „Ich bin für die europäische Transferunion“? Als Oppositionspolitiker Kanzler der Herzen zu werden ist eine Leistung. Doch ungleich schwerer ist es, als Kandidat die Herzen und den Verstand zu erreichen.

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Thomas Hanke
Thomas Hanke
Handelsblatt / Korrespondent in Paris

Kommentare zu " Kommentar: Der Kanzler der Herzen"

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  • Wir sollten nie vergessen, dass Steinbrück unter Kanzler Schroeder und RotGrün massgeblich an der sozialen Euthansasie durch Hartz IV und Leiharbeit sowie der totalen Bankenregulierung beteiligt war.

  • Ja so sind se halt. Klebisch von vorn bis hinten.

    Beschäftigen Sie sich doch einmal mit Schröder, Clement, Müller, Tacke, Fischer oder dem erfolglosen Rezzo Schlauch. Da ist Steinbrück ein Waisenknabe dagegen.

  • Ach ja Herr Steinbrück.

    Herr Steinbrück hätte als Finanzminister alles ändern können, was er heute als falsch anprangert. Ich schreibe nicht, dass er im Unrecht ist. Ich schreibe nur, dass er es auch schon hätte abstellen können/müssen. Das konnte er aber nicht, weil er es - wie heute auch - garnicht versteht.

    Steinbrück ist keine integrierende sondern eine spaltende Figur. Wenn man an der Sachkompetenz kratzt, dann stellt man fest, dass das auch nicht soweit her ist.

    Er ist halt auch nur ein Politiker und schaut nur nach dem nächsten Podium um sich zu präsentieren.

    Zum anderen hätte er als Politprofi die Spielregeln seiner Partei kennen und beachten müssen. Den Weg über den allseits geschätzten Altkanzler Schmidt zu wählen, erscheint daher eher als eine Verzweiflungstat als einem geschickten Kalkül. Er hat damit einmal mehr seine echten Gegner und zum anderen seine Parteigenossen zwangsweise gegen sich aufgebracht.

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