Kommentar
Deutschland fehlt die Geduld in der Atompolitik

Das rasche Moratorium für Kernkraftwerke findet außerhalb Deutschlands keine Nachahmer. Es wäre besser gewesen, auch wir hätten erst analysiert und dann gehandelt.

Wolfgang Clement Wie steht es um die "neue Nachdenklichkeit" in der deutschen Industrie? Ist technischer Fortschritt ohne "Restrisiko", also ohne ein Risiko jenseits des heutigen Standes von Wissenschaft und Technik und "der Schwelle praktischer Vernunft" , wie das Bundesverfassungsgericht in seinem Kalkar-Urteil formulierte, überhaupt vorstellbar?

Das sagte auch Franz Fehrenbach nicht, der Chef der Robert Bosch GmbH, als er sich jetzt vielbeachtet über Konsequenzen aus der japanischen Atomkatastrophe äußerte. Und selbstverständlich mussten wir schon bisher wie auch künftig davon ausgehen, dass ein so definiertes Risiko tatsächlich eintreten kann, also wahr wird, was bis dato unter jedem Blickwinkel ausgeschlossen erschien.

Ist die Atomkatastrophe in Japan dafür ein Beispiel? War sie ein solches unvorhersehbares "Restrisiko"? Das wissen wir nicht, weil bisher niemand die wahren Gründe für das Unglück kennt. Nobuo Tanaka, der japanische Chef der Internationalen Energieagentur, hat gegenüber der "Süddeutschen Zeitung" auf das eigentlich Selbstverständliche hingewiesen, dass nämlich erst in Erfahrung gebracht werden müsse, was überhaupt passiert sei in Fukushima, ehe Lehren aus dem Vorfall gezogen werden könnten. Und bis dahin müsse man die Öffentlichkeit "um etwas Geduld" bitten.

In Deutschland haben wir offensichtlich diese Geduld nicht. Die Bundesregierung hat im Handumdrehen ein dreimonatiges "Moratorium" verhängt und sieben Atomkraftwerke - zumindest vorläufig - stillgelegt. Und die Opposition will prompt noch mehr. Das ist bemerkenswert, weil, wie Herr Tanaka direkt an unsere Adresse sagt, wenn überhaupt, dann bisher nur eine Lehre aus der Katastrophe in seinem Land zu ziehen ist.

Nämlich die, dass jeder Betreiber für die größtmögliche Sicherheit an den Standorten seiner Reaktoren in seinem Land sorgen muss. Und da sind unsere Standorte mit keinem der japanischen vergleichbar. Wobei noch der Hinweis erlaubt sei, dass die Reaktoren in Fukushima mutmaßlich sogar dem gewaltigen, in unseren Breitengraden absolut unvorstellbaren Erdbeben standhielten, während erst die für uns ebenso unvorstellbare Tsunami-Welle die Kühlwasserversorgung des Kraftwerks zerstörte.

Nun will die Bundesregierung unsere Atommeiler bis Mitte Juni einer Sicherheitsüberprüfung unterziehen. Das verheißt nichts Gutes. Denn was soll jetzt unter welchem Gesichtspunkt geprüft werden? Geht es um Lehren aus der japanischen Katastrophe? Dann kommt die Überprüfung zu früh, weil wir noch nicht wissen, was in Fukushima konkret geschehen ist.

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